Michael Schweßinger

Geschichten brauchen Freiraum und gelebtes Leben, um erdacht zu werden. Und neue Geschichten brauchen manchmal eine Ortsveränderung, damit sie die Welt erobern können. Michael Schweßinger treibt es durch die Welt – u.a. Tansania, Irland, Rumänien – immer unterwegs, immer auf der Suche nach den dunklen, geheimnisvollen, zerrissenen Helden und ihren verborgenen Geschichten. Er begibt sich auf die Suche nach dem zutiefst Menschlichen, spürt seiner Zeit und ihren Geschehnissen nach, träumt und analysiert sich durch die Erdenzeitalter. Dabei läßt er sich von seiner Intuition leiten, lebt von seinem Handwerk – dem Backen, greift auf seine Studienerfahrungen in der Ethnologie und Afrikanistik zurück und beobachtet die Menschen rings um ihn herum.

Schweßinger, 1977 im fränkischen Waischenfeld geboren, lebt und arbeitet momentan in Bukarest. Für Lesungen kommt der Autor gerne nach Deutschland, insbesondere nach Leipzig, wo der Autor kein Unbekannter und schon seit vielen Jahren in der hiesigen Literatur- und Lesebühnenszene textend, lesend und bisweilen selbst Bücher verlegend, bekannt und geschätzt ist.



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Die Ferne eines Sommers

„Du bist im Bordell Europas und fickst nicht. Irgendetwas stimmt mit dir nicht, mein Freund“, meinte Vasilis und nippte von seinem London Pride.

„Wenn ich in einer aufkommenden Schreibphase bin, kann ich nicht ficken. Genaugenommen interessieren mich dann Frauen einfach nicht. Verschiedene Energien“, murmelte ich und trank ebenfalls.

„Ich versteh nicht, warum du dann schreibst. Also es bringt dir kein Geld und dein Schwanz leidet auch. Das ist doch ne loose loose-Situation.“

Aus diesen Blickwinkel hatte ich die Literatur noch nicht betrachtet und es sprach einiges dafür das Vasilis recht haben könnte, überhaupt konnte man mit ihm wunderbar diskutieren, solange keine Frauen vorbeiliefen, was in der Strada Covaci selten der Fall war und sowieso, was man auch über die Rumänen sagen mag, schöne Frauen hatten sie. Manche vertraten sogar die Theorie, dass rumänische Frauen mit High Heels auf die Welt kommen.

Ein Teil von mir bewunderte diese Menschen vom Schlage Vasilis, die einfach ner Frau nen Schein zusteckten und dann mit ihr verschwanden oder eine Rose von einen Roma-Jungen um Mitternacht kauften und eine wildfremde Frau damit zum Lächeln brachten, ob das nun politisch korrekt war oder nicht. Diese Leichtigkeit, also so wie man ein Bier bestellt. Die das Leben als lockere Angelegenheit sahen, mochte man davor noch die halbe Nacht mit ihm über linke Ideale und Ausbeutung debattiert haben. Egal, philosophieren und Frauen waren zwei paar Angelegenheiten.

Man könnte sagen, in den besten Momenten und es waren die Augenblick die ich genoss, spiegelt sich in den Aussagen von Vasilis etwas vom Nachglanz eines platonischen Idealismus, gepaart mit einem zynischen Skeptizismus. Der Idealismus kam immer dann zum Vorschein, wenn es um Griechenland ging, während der Zynismus klar mit Rumänien verbunden war, das für ihn nicht mehr als eine Verbannung darstellte, die er jobwegens auf sich nahm. Er arbeitete in irgendeiner Fabrik eines Verwandten, die Magazine wie National Geography in Plastik einschweißte. Seine Angestellten waren meistens irgendwelche mies bezahlten Gypsy-Tagelöhner, die sobald sie entlohnt wurden, erst wieder auftauchten, wenn das Geld alle war. Vasilis arbeitete deshalb ständig mit doppelter Belegschaft, eine Hälfte, die ihr Geld ausgezahlt bekommen hatte und verschwand und die andere Hälfte, die gerade keins hatte und wieder antrottete. Es funktionierte irgendwie, wie hier alles irgendwie funktionierte, obwohl man am Ende nicht genau wusste wie es gekommen war, dass es funktionierte.

Ich mochte diese Irrationalitäten, die für Vasilis durchwegs keine waren, wie man so oft das Eigene immer in einem milderen Licht zur Kenntnis nimmt als das Fremde. Vasilis kam aus einem kleinen Dorf unweit von Patras und brachte man das Thema auf Griechenland, so konnte er einen früh um fünf an einem Gyrosstand darlegen, warum die griechische Küche die gesündeste sei, die man weltweit finden würde, nämlich weil sie alles Notwendige enthielt. Meine Einwände, dass jede Küche alles Notwendige enthielt, weil ja sonst die Menschen längst gestorben wären, wischte er beiseite und analysierte die Innereien seines Gyros.

„Schau Fleisch, Tzatziki also Milch, Gemüse, er zeigte dabei auf die Tomate und Brot mit Olivenöl. Alles Notwendige ist dabei. Perfekt.“

Ebenso hätte man natürlich auch darauf hinweisen können, dass der Burger von Mc Donalds alles enthielt, aber ich unterlies es Vasilis auf dem Olymp seiner griechischen Welt eine amerikanische Note beizugesellen.

„Was war die schönste Frau, die du hattest“, fragte Vasilis, als wir lange genug auf die Straße geblickt hatten, was nicht spannend war, aber dennoch war es eben was, was man tat, wenn man nichts anderes für tuenswert hielt.

Ich überlegte ein wenig, trank vom London Pride und meinte dann: „Es war eine Frau, die ich nicht hatte und doch irgendwie schon.“

„Eine Frau, die du nicht hattest und doch irgendwie schon. Du sprichst in Rätseln.“

„Sie hatte blondes langes Haar und war bestimmt zehn Jahre älter als ich.“

„Das muss nicht schlecht sein.“

„War es auch nicht, nur ich war damals schlecht, schlecht in der Liebe. Eigentlich schon vor der Liebe schlecht, ich bekam Panik, wenn ich Frauen nur sah.“

„Stupid German“, meinte Vasilis. „Ihr macht Blitzkrieg und unterjocht Europa, aber habt Angst vor Frauen“.

„Wir ficken halt nicht jede“, gab ich kontra, dachte aber, dass da was dran sein könnte, also dass es einfacher war Krieg zu führen, als sich in emotional vermintes Gelände zu begeben.

„Tja, wir Griechen ficken auch mit Schafen, wenn es sein muss“, meinte Vasilis und lachte.

„Sie war ein tolle Frau und sie wird mit den Jahren immer schöner. Hätte ich mit ihr geschlafen, wäre sie dann auch so schön geblieben? Auf seltsame Weise ist sie makellos an meiner Seite geblieben. Wir hatten nicht genügend Zeit die schlechten Seiten an uns zu entdecken.“

„Bist du ein Mönch? Warum schläfst du nicht mit ihr, wenn du es könntest? Warum soll sie danach nicht mehr schön sein?“
„Sie war zu schön dafür!“

„Zu schön. Wie kann eine Frau zu schön sein, um mit ihr zu schlafen. Dafür ist doch die Schönheit da. Warum sonst sollte sie schön sein. Ich hab die Woche aus Not mit zwei Hässlichen aus meiner Firma geschlafen. Man schläft mit mehr Hässlichen als Schönen, das gleicht sich nie aus. Wenn eine schön ist, dann sei froh und frag nicht.“

Ich überlegte kurz, ob ich der größere Grieche von uns beiden war, weil meine Gedanken der Ideenwelt und der platonischen Liebe wohl näher standen als die praktische Herangehensweise Vasilis.

(…)

„Die Rumänen sind Dummköpfe, protestierte Vasilis. „In Griechenland bekommt man Salzgebäck zum Bier gereicht. Dann trinkt man doch viel leichter.“  Und so zogen wir dann auch weiter auf dieser sinnlosen Suche wie sie nur ein Wochenende hervorbringt. Dieser Suche, bei der man sich untrüglich gewiss ist, dass es nichts zu finden gibt, auch wenn man die Kulissen erneuert und dennoch sich diesem Theater der Suche hingibt, weil alles andere unmöglich zu ertragen wäre. Ich hatte keine richtige Lust auf Frauen, nicht mal auf Trinken, aber wovor ich mich wirklich fürchtete, war es in dieser Wohnung zu sitzen, in der einem dieses Leben in seiner Nichtigkeit so klar wurde, ohne auch nur eine Ahnung wie man ihr entkommen konnte.

(…)

„Denk nicht so viel, mein Freund. Lass uns ins Bordellos gehen und Girls gucken“, meinte Vasilis.
Wir zahlten und gingen ins Bordelllos, einen Nachtclub mit mittelschlechter Musik im Stil der 20er-Jahre, schauten den Tänzerinnen zu, die sich um ihre Stangen schlangen. Vasilis verschwand mit einer schnellen Bekanntschaft im Seperei. Ich zog mein Notizbuch und legte es auf den Tresen, eine alte Gewohnheit von mir, sowie man Knarren mit sich führt, obwohl es keine Patronen mehr gibt.

„What are you doing? Are you an artist?“, fragte eine Stimme neben mir, während ihre Titten meinen Arm streiften. Ich blickte auf, sie war von standardisierter Schönheit und hatte etwas zuviel Metal um den Hals hängen.

„No I`m not an artist. I still have no way to survive but to keep writing one line, one more line, one more line…,”

Ich hatte seit Monaten nichts mehr Vernünftiges geschrieben, meistens malte ich nur noch irgendwelche abstrakte Zeichen, die vielleicht über zehn Generationen der Ratlosigkeit irgendwie noch mit dem letzten sinnvollen Satz, dem letzten Fragezeichen verbunden waren. Aber dieser Satz von Mishima half immer, um Prostituierte fernzuhalten. Schreiber waren auch hier unattraktive Hungerleider.

Vom östlichen Rande des Imperiums

Vom-Oestlichen-Rande-Des-Imperiums

 

Roland Adelmann (Rodneys Underground Press) schreibt: „Nach Leipzig und Irland hat es Michael Schwessinger jetzt nach Bukarest verschlagen. In vier grandiosen Kurzgeschichten berichtet er aus einem zerrissenen Land, das sich trotz aller Sorgen und Nöte nicht die Lebensfreude nehmen lassen will. Schwessinger gehört ohne Zweifel zu einen der besten Erzähler der letzten Jahren und es scheint bedenklich, dass die Aufmerksamkeit seiner großartigen Prosa, die er bereits in mehreren Erzählbänden nachgewiesen hat, eher marginaler Art ist. Allein die Geschichte „Nur ein verfickter Konjunktiv“ gehört mit zum Besten, was in in den letzten Jahrzehnten an Prosa geschrieben wurde. Mehr davon.“

Stadtapokalypsen I

Die Nächte explodieren in den Städten

Die Nächte explodieren in den Städten,
Wir sind zerfetzt vom wilden, heißen Licht,
Und unsre Nerven flattern, irre Fäden,
Im Pflasterwind, der aus den Rädern bricht.
In Kaffeehäusern brannten jähe Stimmen
Auf unsre Stirn und heizten jung das Blut.
Wir flammten schon. Und suchten leise zu verglimmen,
Weil wir noch furchtsam sind von eigner Glut.

– Ernst Wilhelm Lotz

 

I

Ich bin, das gestehe ich freimütig, ein Kind der Städte. Der Anblick individualtouristisch eroberter Natur gibt mir nichts. Ich bin kein Nordgesicht und habe keine Wolfshaut. Was interessiert mich der klare Quell, diese Vorstellung von Reinheit und Unbeflecktheit und ist es doch genau das, was diese zwei Prozent Hippieblut in mir suchten, als ich mich einst von den Häuserschluchten entfernte, um sie durch romantischere Abbilder zu ersetzen.

Auch schmutziges Wasser kann man trinken und die Quellen, die sich mir öffnen, sind manchmal nicht mehr als mündliche Überlieferungen aus tiefgefurchten Gesichtern an irgendwelchen Kneipentischen. An diesen Orten morastiger Gedanken, in diesen dämmrigen Bars voller zerbrochener Lebensentwürfe mit ihren unruhigen Blicken wie aus Wartesälen, an diesen geistigen Schutthallen tief im Gedärm der Städte, dem Rinnstein näher als dem Himmel, blühen keine blauen Blumen mehr, aber Landschaften sind immer auch Seelenlandschaften und ich sauge diese Fleurs du Mal, diese Oden des Verfalls in mich auf, weil mein Geist immer noch dürstet und doch keine andere Nahrung mehr verträgt.

Fragmentarisch erbrochene Lebensgeschichten auf Bierdeckeln am Morgen danach und ich lese in ihnen wie ein römischer Haruspex in den Eingeweiden von Opfertieren, weil ich den thoureauischen Wunsch verspüre, dem eigentlichen, wirklichen Leben näherzutreten, zu sehen, ob ich nicht lernen konnte, was es zu lehren hatte, damit ich nicht, wenn es zum Sterben ginge, einsehen müsste, dass ich nicht gelebt hatte. Ich wollte nicht das leben, was nicht Leben war. Ich wollte das Leben in die Enge treiben und auf seine einfachste Formel reduzieren; wenn es sich gemein erwiese, dann wollte ich seiner ganzen unverfälschten Niedrigkeit auf den Grund kommen und sie der Welt verkünden. War es aber erhaben, so wollte ich dies durch eigene Erfahrung erkennen.

Ich beginne meine Betrachtungen bei einem Cuba Libre im Cafe Noir, nicht weil sich dieser Ort besser für den Prolog dieser Reise eignet als irgendein anderer, denn jede noch so kleine Straße und jeder noch so abgegriffene Tresen kann dich bis ans Ende der Welt führen, sondern aus dem einfachen Grund, weil man irgendwo beginnen muss und wenn es hier an diesem Ort nichts zu sagen gäbe, dann gäbe es woanders vielleicht auch nichts zu sagen. Denn was wir uns jenseits von Entertainment zu sagen haben, kommt doch aus uns und vermögen wir uns zu entfliehen, wenn wir die Schauplätze dieser menschlichen Tragikkomödie wie Kleidungsstücke der kosmopolitanen Modewelle anpassen?

Das Cafe Noir war ein in die Jahre gekommener Laden, der irgendwann in den späten 90ern mal ein florierender Nachtclub gewesen war, nun aber nur noch als Bar fungierte. Das gedämpfte Licht, die schweren Gardinen und die rotplüschigen Barhocker erinnerten noch an die Zeit, als junge Osteuropäerinnen hier den Gästen mit brüchigem französischen Akzent die Worte „Champus, mon cheri“ ins Ohr geflüsterten hatten, um dann kurz nach oben zu verschwinden, um ihnen in ausgelegenen Betten den Rest ihres Vermögens und noch einiges anderes aus der Hose zu ziehen.

Es war eine Bar mit einigen maulfaulen Trinkern, wie sie Edward Hopper wohl gefallen hätte, und man kann über Alex sagen, was man will und ich vermute, einige tun das auch, Stil hatte er, und als für seine Chefs die Achter klickten, übernahm er den Laden kurzerhand und verlegte den Geschäftsschwerpunkt mehr in die Vertikale.

Man kam also, trank seine Drinks, lauschte den ewig gleichen französischen Chansons, bestellte bei Andre eine Schachtel tonpapierumrandete Sobranie Black Russian mit Goldfilter, die ich noch nie zuvor und auch nie danach gesehen hatte, und ging wieder seiner Wege.

Manchmal hatte das was für sich.

Die Schachtel kostete zwar 10€, aber es war wirklich die einzige Sorte Zigaretten, die zu diesem Ambiente passen mochte. Irgendwie dekadent, kurz vorm Kitsch und mit einem ordentlichen Hauch Vanitas getränkt. Es waren merkwürdige Gedanken, die sich da so durch mich durchdachten, während ich in den mächtigen goldumrandeten Spiegel an der Stirnseite der Bar blickte und mir eine Sobranie nach der anderen ansteckte.

Ich dachte zum Beispiel: Junge, du bist jetzt 33 und weißt noch immer nicht, was du von diesem Leben zu halten hast und wohin du unterwegs bist. Komm mal zum Punkt. Irgendwann musst du dich entscheiden, du kannst nicht nur aus dem Zweifel heraus dein Leben gestalten. Irgendwann musst auch du mal ankommen.

Dieser Gedanke drängte sich zusammengerechnet mindestens eine Stange Sobranie lang durch mein Hirn. Damit war er mit umgerechnet 100 Euro einer der teuersten Gedanken, die ich so dachte und sein Wert ist immer noch beständig am Steigen.
Aber wo ankommen in dieser Zeit, wenn man für das kleine Glück nicht geschaffen und das Tiefere nicht mehr finden kann? Wenn man spürt, dass der ökonomische Drehbuchschreiber keine Rolle für dich vorgesehen hat, die dir behagt und alles andere in Oberflächlichkeit erstarrt. Gewiss, wir Argonauten der Apokalypse folgen einem altertümlichen Ideal, denn wir lesen lieber in Gesichtern, als auf Facebook und verbringen unsere Stunden lieber im Gespräch als auf einer virtuellen Farm in einem social game.

Und wo noch findet sich ein Schillern in den Augen des Gegenübers, um ein Gespräch plötzlich aus dem Meer der Banalitäten zu hieven? Wo wächst noch in Mitten zweier Eigenheiten plötzlich eine Insel der Kommunikation heran? Jahrtausende an nutzlosen Zivilisationserfahrungen in deinem hilflosen Hirn und der Mut ist so müde geworden und die Sehnsucht so groß. Es gibt keine Berge mehr, kaum einen Baum. Nichts wagt aufzustehen. Fremde Hütten hocken durstig an versumpften Brunnen. Nirgends ein Turm. Und immer das gleiche Bild. Man hat zwei Augen zuviel. Nur in der Nacht manchmal glaubt man den Weg zu kennen. Vielleicht kehren wir nächtens immer wieder das Stück zurück, das wir in der fremden Sonne mühsam gewonnen haben. Es kann sein, denkt etwas in dir, denn wir Nomaden der Städte haben versucht die Einsamkeit zwischen den wenigen Oasen zu kultivieren, ihr die Krallen zu stutzen, die uns einst ins Fleisch schnitten und unser Denken mit Bitterkeit tränkten, ja fast ertränkten. Staudämme an Gedanken, errichtet gegen das rasende Fluten der Aporie und fast schon sanft sickert nun ein melancholisches Rinnsal durch unsere Gedanken und ist uns vertrauter Gefährte geworden auf diesem Weg durch die Welt. Gewiss, das Leben stirbt sich nicht draus tot und nur noch manchmal, in manchen Nächten, liegt ein verzweifeltes „Eloi, eloi, lema sabachtani!“ auf unseren Lippen.

Und die Suche treibt dich weiter durch Straßen und Gassen, hinein in die schickeren Kneipen der Stadt. Gewiss es ist eine Suche ohne konkretes Ziel und du weißt, das Leben hat sich schon ein wenig an dir ausgetobt und links hast du Amalgam, rechts ein bisschen Gold aus besseren Zeiten im Gebiss und aus deinem Geist strahlt auch noch irgendwoher her hartnäckig eine aus erodierten edleren Idealen alchemisierte Legierung, die sich manchmal durch ein irres Flackern in deinen Augen bemerkbar macht und schon mehr dem Wahnsinn denn der Ratio den Weg leuchtet.

Und du merkst es an diesem unbefleckten Dr. Best-Lächeln in diesen Gesichtern, die das Leben fast konturenlos nur mit Pastellfarben gestreift hat. Ihre Themen werden nicht die deinen sein und Thommy Hilfiger und Ralph Lauren sind für dich nicht mehr als seltsame Namen, deren Mysterium sich dir nicht erschließt und du liest zwei Becks lang in Emersons „Von der Schönheit des Guten“ und der schreibt so hoffnungsvolle Sachen wie, „aber wohin uns das Leben auch treibt, urteilen wir nicht leichtfertig über den Wert und Unwert von Erfahrungen, denn wohin man und was man auch erfährt, es gibt nichts durch dessen Kenntnis wir nicht größer werden könnten, und sei es auch nur irgendeine Gassenweisheit, die wir auf der Straße aufgelesen haben“. Und als du später weiter durch die Straßen irrst, stolpert dir ein Penner mit seiner Bottle und einer dieser Weisheiten entgegen.

„Es schäumt!“, ruft er aufgeregt und zeigt auf seine überlaufende Flasche, während Xavier Naidoo  von einer beleuchteten Plakatwand herunter der nächtlichen Stadt „Alles kann besser werden“ verspricht.

– Erschienen in „In Darkest Leipzig + Stadtapokalypsen“ Periplaneta 2014