Claudia Rapp

Vom Rheinland über den Bodensee nach Berlin, mit Zwischenstationen in Oregon und Hawaii. Buchhändlerin gelernt, Anglistik, Amerikanistik und Germanistik studiert, über Literatur aus Hawaii promoviert, an der Uni unterrichtet.

Dann endlich angefangen, die Bücher zu veröffentlichen, die schon seit der Schulzeit in mir brodeln. Drei davon gibt es bisher: Der weiße Duft der Inseln (Hawaii), Zweiundvierzig (Thriller an der Uni), Summer Symphony (Sex, Zeitreisen & Rock’n’Roll). Und nun brüte ich über zwei Projekten, die viel Zeit zum Reifen brauchen. In dem einen spielen die Loreley, Edward Snowden und Iggy Pop zentrale Rollen, in dem anderen geht es um Jane Eyre, eine erfolgreiche Emo-Band und eine vermeintliche Selbstmordserie.

Außerdem: Übersetzerin Eng-Deu/Deu-Eng, Redakteurin bei indieberlin.de, Guerilla-Organisation von Lesungen, Internetjunkie.

Neben guten Geschichten und dem Jonglieren mit Sprache ist die Musik meine dritte große Leidenschaft. Deshalb pilgere ich bei jeder Gelegenheit zu Konzerten und Festivals. Und wenn all das zusammenkommt, wie etwa 2008 bei der Wassermusik in Berlin, 2012 & 2014 beim Wacken Open Air oder 2014 & 2015 beim Wave-Gotik-Treffen in Leipzig, wenn ich also im Rahmen von Musikfestivals lesen oder vortragen kann, dann macht der alltägliche Spagat zwischen Doktortitel und DJane, Poesie und Punk, zwischen Mark Twain und David Bowie erst richtig Sinn.



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Buchtrailer zu Summer Symphony

TOURSTART: YESTERDAY/ZAJAC

Mit dem Zug war ich nach Tulln gekommen und der Shuttlebus hatte mich direkt zum Festivalgelände gebracht. Ohne die Details vor Ort richtig zu würdigen, ging ich zielstrebig zum Kassenhäuschen und tauschte mein Ticket gegen ein Festivalbändchen – hier noch das gute alte Plastikding, das an Krankenhausbänder erinnerte, auf denen Name und Geburtsdatum von Neugeborenen vermerkt wurden. Die Sonne brannte unbarmherzig vom Junihimmel, die ersten, unwichtigen Acts hatten bereits gespielt und es würde nicht mehr lange dauern, bis ich mir die finnischen Hexenmeister live anschauen konnte. Bewaffnet mit einem ungeduldigen, von der Klimaanlage im Shuttle gekühlten Körper und einem Tunnelblick, der sich auf die Bühne einzoomte, bahnte ich mir einen Weg durch die Trauben und Dolden von Menschen, die den großen, ebenen Platz bevölkerten. Im Zickzackkurs kam ich meinem Ziel immer näher, zuletzt an schwitzenden Körpern und glühenden Gesichtern vorbei, bis ich das Gefühl hatte, dass deren verausgabte Euphorie auf mich abstrahlte. Dann war ich ganz vorne, hatte nur wenig Ellenbogen dazu gebraucht, und war dennoch selbst fast schon erschöpft. Heiß, es war so verdammt heiß!
Der Typ neben mir am Gitter schien meine sehnsüchtigen Gedanken zu lesen, denn er legte seine Hand auf meinen Arm.
„Wenn ich uns ein großes Bier besorge, schaust dann nach meinem Platz?“
Mit einem Seufzer nickte ich.
„Au ja, das wäre jetzt die Rettung!“
Ich machte mich vorne so breit wie möglich und er verschwand mit einem Grinsen in der dampfenden Menge.
Österreicher. Groß, dunkle Haare, eigentlich ganz hübsch.
Wie konnte es Anfang Juni nur so heiß sein? Hoffentlich würden sie bald anfangen zu spielen, dann ließe sich die brennende Sonne vielleicht vergessen. Ob ich erneut in eisiger Kälte und tiefer Dunkelheit landen würde? Oder in diesem nordischen Frühling, wenn alle das wiedergekehrte Licht feierten? Ich war gespannt, was passieren würde. Wenn ich den Kerl mit dem Bier an der Hand hielte, könnte ich ihn mitnehmen? Müßig, denn dort, im Tal nahe der Küste, war ich eine andere und dort gab es einen anderen Mann. Und hier? Gab es eine Band, deren Musik eine Art Zauber auf mich ausübte, mir ein Tor in ein zweites Leben geöffnet hatte.

Das Bier war kaum getrunken, schon fast wieder verdunstet, da kehrte in den Lautsprechern Stille ein und die Bühne verdunkelte sich. Das Herz begann seine Raserei und die Hitze von außen bekam aus meinem Innern Gesellschaft. Die Reise stand sicher unmittelbar bevor. Der hübsche Kerl neben mir schaute mich fast schon besorgt an, er fürchtete wahrscheinlich einen Kreislaufkollaps. Wenn er wüsste, was alles möglich war, was gleich geschehen würde! Allein diese furchtsame Vorfreude, diese ausgekostete Angstlust, all das flatterte in mir mit der Intensität eines kleinen Höhepunkts.
Und dann standen sie da, drei Männer im Bühnennebel und blauen Licht. Verharrten kurz im Begrüßungsbeifall, rückten die Celli zurecht. Im Hintergrund saß schon der vierte hinter seinem Schlagzeugwall. Alle hielten die Posen für einen langen Moment, ein Tableau, die Ruhe vor dem Sturm. Das erste Stück, das sie spielten, war das erste Stück von SLUSH FROM THE PAST, begann also verhalten, steigerte sich dann zum Klanggewitter, und löste meiner Erfahrung nach keine Zeitreise aus. Fast enttäuscht konzentrierte ich mich auf Ohren und Augen, hörte und sah die Performance, statt in meinen Bauch hinein zu spüren und auf den sofortigen Schwindel zu warten. Ähnlich wie auf der CD zogen so mehrere Stücke vorbei, während derer ich das Spiel, die Show, die Atmosphäre des Hier und Jetzt, der Realität, aufnehmen konnte und immens genoss.
Mein Blick wanderte immer wieder zwischen Arttu und Pekka hin und her, zwischen Taisto dem Krieger und Saari dem Sanftmütigen. Trotz der unleugbaren Ähnlichkeit glich Pekkas teuflisch-wildes Spiel in nichts der Ruhe von Saaris besänftigenden Worten, seiner Unsicherheit vor der Annäherung. Und in Arttus genussvollen Posen, in seiner künstlerischen Ernsthaftigkeit ließen sich nur schwer das düstere Ungestüm und die rohe Macht Taistos erahnen. Nur die schön geschwungenen, sinnlichen Münder waren immer die Gleichen. Wieder das erahnte Rätsel. Die Puzzleteile von Vergangenheit und Gegenwart, Bild und Spiegelbild, wollten sich nicht zu einem Ganzen fügen. Sie drifteten auseinander, wirbelten durcheinander, die Musik wurde zum Sog, und alles drehte sich.

Wieder habe ich den Übergang verpasst. Alles dreht sich, na wunderbar. Schon bin ich wieder in der Saunahütte, die feurige Luft langsam einatmend, und weiß, draußen hängt das weinrote Kleid über dem Zaun, das Festgewand für das Frühlingsfest.
          All das noch einmal?
          Ja, all das noch einmal. Das Kraft gebende Entspannen der Muskeln. Die allmähliche Gewöhnung an die Hitze. Diesmal brauche ich nicht so lange, mich danach heraus zu trauen, diesmal ist mein Körper gerade, gestreckt, fast stolz auf sich. Die nadelscharfe Kälte des Teiches, die trockenen Tücher, das Untergewand. Ich nehme das Kleid, streife es über, binde den Gürtel selbst, bis die Taille gut sichtbar ist. Dann schlüpfe ich in die Beinlinge, binde sie mit dem roten Band die Waden hinauf. Kein Zögern, keine Scheu.
          Und so reagieren auch meine Gegenüber anders, die Frauen lachen nicht, sind aber auch nicht länger hilfsbereit, scheinen viel mehr mürrisch, mich jetzt erst als Frau, als Konkurrentin sehend, bedeuten mir, mich zu beeilen: husch, husch zum Fest. Und auch am Teich, als die Mädchen sich um die Männer kümmern, wirke ich, die ich mich anders fühle, nun nicht länger wie die verängstigte Gefangene, sondern als fremder Magnet verstohlener wie offener Männerblicke. Das ist gefährlich. Taisto, der schon hier von dem starken bitteren Bier trinkt, funkelt mir einen Blick zu, besitzergreifend und wohl kaum Widerstand duldend.
          Jetzt schon? Ich werde doch seiner erst viel später gewahr, beim Fest, als er Anspruch erhebt auf mich. Zumindest war es beim letzten Mal so. Ist der Ablauf der Dinge in der Vergangenheit denn gar nicht festgelegt? Sie sind vergangen, wie können sie sich ändern? Bin das etwa ich, die sie ändert? Schnell senke ich den Kopf und ducke mich ein bisschen zurück in meine vorherige, ängstlichere Rolle.
          Zu spät, er winkt mich zu sich her, damit ich ihm mit seinem Überwurf helfe. Es ist augenscheinlich, dass er meine Nähe genießt, meine zurückhaltenden Berührungen, als ich die Schulterfibeln befestige. Fehlt nur noch, dass er die Oberarme anspannt und sagt, „fühl mal, wie stark ich bin.“ Mir ist das alles zu intensiv, ich möchte wieder zurück auf die Schiene die beim letzten Mal ablief, habe ich mir doch in der letzten Woche bestimmt hundert Mal ausgemalt, wie es weitergehen könnte, in jener Nacht, mit Saari.
          In dieser Nacht ist alles anders. Nicht alles. Die Gesänge bleiben gleich, das Bier, das Essen, der Schamane und seine Paarzusammenführungen. Er ruft mich, und diesmal muss Mielikki mich nicht anstoßen, ich habe ja schon darauf gewartet. Und dann, in seinen Worten, höre ich laut und deutlich den anderen Namen, den er nennt:
          Taisto. Der Schamane und der Häuptling wechseln einen Blick, der mich fürchten lässt, dass ich die Verantwortung trage für das Durcheinander, das hier entstehen mag. Das leise Lächeln in den Augen des Schamanen scheint dasselbe wie zuvor, aber mein Blick schaut erschreckt zurück und wandert dann zu Taisto, der grinsend darauf wartet, dass ich mich zu ihm hinüber setze. Bevor ich mechanisch gehorche, sehe ich vorsichtig auch zu Saari auf, als ich an ihm vorbeigehe. Seine Augen haben diese weise Traurigkeit, die ich bei unserer ersten Begegnung bemerkt habe, und nun gilt das Traurige mir.
          Diesmal singt er noch besser, noch zauberischer, mit noch größerer Kraft. Volle Konzentration, nicht abgelenkt von der Aussicht auf eine Nacht mit der fremden Frau, die er, wenn auch leiser und zarter als Taisto, für sich begehrt? Oder ist das nur mein Wunschdenken? Habe ich denselben Abend wirklich schon einmal erlebt, saß ich nackt mit Saari auf dem großen Lager?
          Es ist ein anderes Haus, das wir heute betreten, eigentlich das letzte des Dorfes, beinah schon im Geäst der ersten Bäume des anschließenden Waldes, der sich schräg hinter der Männersauna auszubreiten beginnt. Und es ist früher als beim letzten Mal, aber dennoch genauso dunkel, als wir hereinkommen. Kein Funke, kein Licht, keine Zartheit. Das war auch nicht zu erwarten gewesen. Die Tür fällt in ihren Rahmen, als Taisto mich auch schon gegen die Wand schiebt und seine Hände viel zu geschickt und zielsicher den Weg zu meinen Brüsten, unter meine Röcke finden. Sein ganzer Körper ist hinter, über meinem, und ich kann gar nichts tun, während er mich positioniert, wie er mich haben will. Ich schaffe es, mich mit den Armen ein wenig von der Wand abzustützen, als er mich im Stehen von hinten nimmt. Mir bleibt nicht viel Luft, um meinen Widerwillen gegen diesen Angriff zu sammeln, denn sein erhitzter Körper, sein Atem an meinem Hals und, ja, seine immensen Stöße in mein Innerstes, all das entfacht eine wilde, überschäumende Lust an der hilflosen Rolle, in der ich mich befinde. Und so wehre ich mich nicht, weder innerlich noch äußerlich, sondern komme seinem Rhythmus entgegen, biete den Widerstand nur da auf, wo er die Intensität noch steigert, und empfange seinen Aufschrei in meinem Nacken, als sich sein mächtiges Erzittern durch meinen Körper fortsetzt. Mein Atem geht beinah so schwer wie der seine, und der Nachhall der Emotion treibt mir eine Träne in die Augen. Vielleicht ist aber auch das Fehlen meines Höhepunkts schuld daran.

Es war schwer, mich zu orientieren. Ich stützte mich aufs Gitter, erste Reihe, nicht an eine Holzwand in der dunklen Hütte. Aber Taistos Stöße hallten wohl noch in mir nach, oder war es nur der Basston aus den Boxen, der das Stück beendete? Ich streckte mich kurz und der nette Hübsche neben mir lachte.
„Lass mich raten, das war dein Lieblingslied. Du warst ja absolut hin und weg.“
Ich konnte nicht recht mit ihm lachen.
Der Rest des Konzerts flog an mir vorüber. Ich war verwirrt, überwältigt, erschöpft, aber auch umso entschlossener, all das aufzulösen. Meine Hände hielten das Gitter vor mir viel zu fest, während mein Körper dem Rhythmus der Musik folgte und ich immer wieder versuchte, die konzentrierten Gesichter der beiden Doppelgänger der Vergangenheit zu lesen, zu ergründen, mit meinen Augen ihren Blick einzufangen. Mit jedem neuen Stück verkrampfte ich mich kurz, wartete, ob mich ein Schwindel anfallen würde, aber nichts mehr geschah. Und schließlich, viele Melodien nach meiner Rückkehr aus Taistos brutaler Umarmung musste ich seufzend anerkennen, wie genial die Jungs waren. Was sie ihren Instrumenten entlockten, war auf der Bühne noch ungleich mehr ein Wunder, eine Offenbarung, eine Invasion ins Innerste, als es schon die CD ahnen ließ. Aber das waren zwei völlig unterschiedliche Dinge: Das eine war das Konzert und die imaginären intimen Berührungen, die diese stürmischen, virtuosen Tonfolgen ausstrahlten, und das andere die viel zu realen Erlebnisse an diesem anderen Ort, irgendwo im mittelalterlichen Finnland.
Von meinem hübschen Nebenmann verabschiedete ich mich mit einem knappen Nicken und registrierte sein enttäuschtes Gesicht.
Sorry, ich bin auf einer Mission, vielleicht in einem anderen Leben, dachte ich. Mit mehr Fragen als Antworten, mehr widerstreitenden Gefühlen als zuvor verließ ich wie in Trance das Gelände und bestieg den Shuttle nach Tulln, dann den Zug zurück nach Wien.


Den Rest der Geschichte gibt es als E-Book bei amazon oder als Taschenbuch im Amrûn Verlag (und überall im Buchhandel)

Und hier findet ihr eine Kurzgeschichte zum Buch als kleines Extra (macht allerdings mehr Sinn, wenn man den Roman schon kennt)