Bernard

Bernard ist Nordländer, 1972 geboren und lebt in Hamburg an der Elbe. Seine erste Geschichte „Herbst“ schrieb er als Verarbeitung einer unglücklich beendeten Liebe und als Road-Movie. Eine Reise durch Europa, die er bis heute nicht gemacht hat!

Als Kaufmann im Einzelhandel, bzw. als Zivildienstleister, dachte er immer über Geschichten nach und kam dann recht spät auf den Plan, die Geschichten nicht nur im Kopf zu behalten, sondern sie wenigstens mal auf Papier zu bringen (bzw. Festplatte).

Es folgten in der Zeit im Exil Hannovers „Fredericos Blues oder die Bestie Mensch“, die von einer Vier-Seiten-Splatter-Orgie zu einer richtigen kleinen Geschichte anwuchs. „Stimmen“ ist dann wiederrum eine Geschichte von gescheiterten Männern, die weit älter sind, als der Autor zum Zeitpunkt des Schreibens war. Die aktuellsten Worte sind in „Ich, Komaroff“ zu finden.

"Manchmal lassen mich die Buchstaben Wochen, Monate lang in Ruhe, doch dann wollen sie irgendwo hin, wollen raus. Ungeordnet, ohne Plan, ohne Verstand. Wenn ich mir dann die Zeit nehmen kann – neben meinen Job als Produktmanager – sprudelt es nur so raus. Es fließt dann quasi durch mich durch.
So brutal meine Geschichten in einigen Passagen sein können, meist nimmt es ein gutes Ende. Und wenn das nur heißt, dass niemand lange leiden musste, ist es gut!"
- Bernard



Tapetenwechsel

Momentan schreibe ich immer mal wieder an den alten Geschichten rum.

Ja, sie sind noch immer unfertig und ungeschliffen und roh. In der Musikbranche wohl dann sowas wie ein „Rough Mix“ oder eine „Proberaum“ Version.

Also schon was besonderes. Und ich versuche eine neue Geschichte anzufangen.. Tapetenwechsel wird sie heißen. Das ist klar…

Ansonsten ist es so wie am Anfang in „Simmen“ beschriebeb:

‚Der Anfang ist das, was für mich immer noch am schwierigsten ist. An alles habe ich mich gewöhnt, aber nach dem Anfang kommt bei mir meist auch sehr schnell das Ende und was dazwischen gehört, das was unbedingt dazwischen gehört, ist in der Tat das, womit ich meine größten Probleme habe.‘

Auszug: Ich, Komaroff

Bling-Blong

Immer wieder, Bling-Blong-Bling-Blong, ich drehe bald noch durch. Immer und immer wieder dieses Geräusch. Mein Vermieter sagt er könne da nichts machen. So sei das bei billigen Mieten! Wenn ich es ruhiger haben wolle müsse ich auch mehr zahlen. Bling-blong-Bling-Blong, wenn das so weiter geht, gehe ich nach langer Zeit wieder auf die Jagd. Ich dreh durch, mein Kopf ist ein Sieb bei dem versucht wird durch die Gitter einen Eisenball zu bekommen. Es schmerzt und ist sehr anstrengend. Die ganze Woche gab es in der Presse nur ein Thema, den neuen Mietenspiegel und jetzt dieses Bling-Blong Gelärme. Als wenn die Einstürzenden Neubauten wieder zu ihren Wurzeln zurückkehren würden und in die Wohnungen um mich herum eingezogen wären.
Es kribbelt, es schmerzt. Unter meiner Haut scheinen kleine Tier zu wohnen die sich stark vermehrten und nun einen Weg nach draußen suchen. Überall kribbelt und juckt es. Nun wandert es, was auch immer es ist, immer weiter nach oben. Mein Gesicht brennt und juckt und kribbelt und schmerzt – Bling-Blong-Bling-Blong.
75cent pro Quadratmeter soll ich ab Februar mehr zahlen. Das Bling-Blong würde dann aber immer noch da sein. Ein weiter Grund Revolutionen zu starten reiht sich an den nächsten.
Ich starte jetzt meine Jagd. Vielleicht wird es dann wieder ein wenig ruhiger in mir, um mir.
Die Tiere in mir bohren sich den Weg durch den Tränenkanal meines rechten Auges.
Ich gehe los und die Jagd beginnt

Partyjunger

Wie armselig das doch alles ist. Ich bin bei einer Partyjungfer zu Hause gelandet. Ich fuhr eine Stunde in der Bahn durch die Berliner Nacht und sah sie und ließ mich mitnehmen zu ihr. Ich bin auf der Jagd doch das Bling-Blong wird nicht leiser. Und das obwohl ich schon die zweite Runde im Ring mit der Berliner Bahn fuhr. Sie nahm mich mit und ich sie. Wir schauten „Skorpion King“ und zappten durch die Kanäle während wir uns kennenlernten. Ist das wirklich das Leben der Mitte zwanzigjährigen? Während „Blade Trinity“ anfing unsinnige Dialoge durch Werbeunterbrechung in unser Schlafzimmer zu transportieren, nahm der Sensenmann die Partyjungfer mit und drehte mir den Rücken zu.
Werbung.
Bling-Blong-Bling-Blong. Die Tiere kriechen aus mir raus und bevölkern das dunkelrote, nasse Bett auf dem ich noch immer saß. Werbung.
Ich stehe auf und gehe zur Tür, Bling-Blong-Bling.
Ich mache mich wieder auf die Jagd solange die Bahnen noch fahren.

Ein Geschenk für Dembowski

11 Uhr. Komplette Stille. Um die Ruhe nicht zu stören bewege ich mich nicht. So ruhig lebt es sich also als Vermieter, ich stehe auf und schaue auf das Chaos. Sehe die Küche und mache mir einen Kaffee. Während der Kaffee durchläuft gebe ich den morgendlichen Bedürfnissen nach und gehe aufs Klo. Beim Blick in den Spiegel erschrecke ich und kapiere gleichzeitig vorher heute die Kopfschmerzen kommen. Dass er sich so kräftig gewehrt hat war mir entfallen. Aber jetzt erklärten sich auch die Schmerzen. Ich spüle und wasche mir das Blut aus dem Gesicht. Die Kratzer versorge ich mit ein wenig Creme. Gegen die blauen Flecken und das geschwollene Auge kann ich erstmal nichts machen. Der Kaffee schmeckt mir heute nicht. Nichts gefällt mir gerade.
Ich bin durch die Berliner Nacht gefahren. Auf der Jagd und suchte und suchte. Es ist schwer etwas zu finden wenn man nicht weiß wonach man sucht. In meiner Nähe setzten sich drei zwielichtige Gestalten hin. Wir blickten uns tief in die Augen, lange und tief. Jäger erkennen Jäger die auf der Jagd sind.
Sie unterhielten sich lauthals und die meisten anderen setzten sich weg. Zusammen sind wir wohl fünf Stationen gefahren bis die Männer plötzlich verstummten und zu mir in sehr leisen Tonfall sagten „Vorsicht, der Typ da ist Dembowski, der Ermittler“
Mir sagte das nichts aber die Typen waren ruhig. Eine Station später stieg ich aus. Drückte mich am Ermittler vorbei durch die Tür und steckte ihm dabei ein kleines Geschenk in die Jackentasche. Ein Geschenk das mir die Partyjungfer überlassen hatte.
Die Treppen absteigend sah ich ihn und das Jagdfieber explodierte erneut in mir. Ich nahm die Verfolgung auf und folgte ihm, meinen Vermieter.
Nun schaue ich mich in der Wohnung um und das erste was mir auffällt sind die Bilder mit einer Frau und meinem Vermieter zusammen. Wenn sie hier noch mit ihm wohnt wird sie ihn nicht mehr erkennen können und so beschließe ich auf sie zu warten bis die Dunkelheit kommt. Kommt die Frau vom Bild nicht nach Hause wird die Berliner Dunkelheit ihren Mantel schützend um mich legen wenn ich wieder auf Jagd gehe. Oder nach Hause. Die Ruhe in dieser Wohnung macht mich müde und so gehe ich zum Sofa, entferne seien Arme und lege mich hin.

Frieden finden

Gefriertruhe ausgeräumt und den Vermieter verstaut. Zweifel bekommen ob der Mann wirklich Vermieter war oder der Hausmeister. Gegen frühen Abend klingelte das Telefon und eine Frau sprach rauf. Trennung, Vorwürfe, neuer Mann – sein Chef. Zwei Wochen Zeit die Wohnung zu räumen.
Ich bekam ein wenig Mitleid und kam ins Grübeln ob ich den richtigen zerlegt hatte.
Ich schließe leise die Tür hinter mir und gehe das Treppenhaus runter ohne das Licht anzumachen. Unten bei der Eingangstür schaue ich mich in aller Ruhe genau um, stecke den Schlüssel ein und verschwinde in der Dunkelheit. Auf direktem Weg zum Westbahnhof kommen mir grölende Fußballfans entgegen. Einige mit extremer Schräglage, andere halbnüchtern aber sehr aggressiv. Oh wie ich diesen Sport und ihre Fans hasse.
Beim Bahnhof angekommen nehme ich die nächste Ringbahn und lass mich einfach durch Berlin fahren. Menschen steigen ein und aus, ignorieren mich oder wollen ein Gespräch anfangen, Betteln, spielen mir Musik vor und zwei pinkeln auch in den Gang. Pärchen knutschen und sind kurz davor mehr zu machen, als eine Gang Halbstarker einsteigt und ein Paar belästigt. Ich schaue mir die Szene aus der Entfernung an und komme erst bei den Geräuschen in der Bahn wieder an als eine Stimme hinter mir ‚Dembowski‘ sagt. Die Stimmen hinter mir sagen noch ‚Der Ermittler ist heute in Dortmund beim BVB – das ist unsere Chancen‘
Ich fange an mich zu Fragen wer dieser Dembowski ist. Ermittler oder BVB Fan oder beides? Unsympathisch ist er mir eh schon jetzt geworden der Dembowski. Fußball. Oje. Ermittler – interessant. Ich steige aus und kaufe mir beim Kiosk ein Sixpack und setze mich auf eine Bank. Zum zweiten Bier setzt sich ein Mann zu mir. Ich reiche ihm ein Bier. Er schaut mich an, öffnet das Bier und beginnt gierig zu trinken. Ich reiche ihm ein weiteres Bier und drehe mich weg. „Du musst Deine Wurzeln suchen, sonst findest Du nie Deinen Frieden“
Ich drehte mich zur Stimme aber außer zwei leerer Bierflaschen war niemand zu sehen.
‚Du musst Deine Wurzeln finden…‘ hallte es durch meinen Kopf. Bling-Blong-Bling-Blong schallte es zurück.

Auszug: Stimmen

„Am Anfang waren die stimmen
dann kamen die Bilder
und am Ende ist nichts als schweigen“ – Bernard, 2004

Der Anfang ist das, was für mich immer noch am schwierigsten ist. An alles habe ich mich gewöhnt, aber nach dem Anfang kommt bei mir meist auch sehr schnell das Ende und was dazwischen gehört, das was unbedingt dazwischen gehört, ist in der Tat das, womit ich meine größten Probleme habe. Vor allem, wenn von rechts Eve in meinem Kopf rumschreit, flucht und einfach nicht mehr die sein möchte, die sie nun mal ist und wenn von links Tom daher kommt und mich mit seiner Liebesgeschichte erdrückt.
Liebesgeschichten die ich nur jedem Menschen wünschen kann, nicht in allen Einzelheiten, aber tendenziell ist es wunderbar so geliebt zu werden wie Tom liebt. Aber warum muss er mir das immer und immer wieder erzählen. Ich bin nicht seine frau, ich bin nicht sein Freund, ich … ja ich, ich bin … am Anfang und will nicht schon wieder sofort das Ende wissen, denn für die Mitte bleibt mir keine Ruhe. Ich will in meinem Kopf, einfach nur in meinem Kopf ruhe haben: keine Unterbrechungen, keine Streitereien, keine anderen Anfänge und damit unweigerlich die dazu gehörigen enden. Es wäre so schön, wenn ruhe um mich wäre.
‚.. Was willst du schon wieder Eve? Ich will deine Geschichte nicht schon wieder hören – nein. Ich will alleine sein, alleine mit meinen Gedanken und mit meinen Schmerzen, alleine mit mir, damit ich endlich wieder verstehe, wer ich bin. Nein auch du Tom solltest besser gehen und mit Sarah einen… und vielleicht nehmt ihr Eve mit…‘ das ist ein Plan! Ja… warum ist mir das nicht schon früher eingefallen. ‚ihr drei geht los und schaut was die anderen Quälgeister machen, geht ein Eis essen oder was man so macht, wenn man sich das erstmal trifft … vielleicht raucht ihr auch eine fette tüte und trinkt ordentlich viel Wodka, glaubt mir nur eins – es ist mir völlig egal was ihr macht. Hauptsache ihr lasst mich in Ruhe in meinem Wohnzimmer sitzen und meinen Gedanken lauschen. ‘
nur dafür habe ich mir mein Wohnzimmer so gemütlich eingerichtet, weil ich am liebsten in meinem Sessel mit seinen durchgescheuerten lehnen sitze und auf den Wannsee hinaus blicke. Die Fensterbank hat den einen oder anderen Blumentopf auf sich versammelt. gerade genug um neugierige Blicke von außen abzuwehren.
Wenn die Quälgeister mich manchmal in Ruhe lassen, schaffe ich es tatsächlich den ‚Lohengrin‘ von Wagner komplett anzuhören. Leider ist es danach meist vorbei mit der entspannten ruhe, die Chance dieses Werk auf sich wirken zu lassen ist nicht gegeben. Aber jetzt…
diese stille, Wahnsinn. ich lasse mich mal überraschen wie lange sie diesmal anhält – die stille, bevor der Wahnsinn mich wieder heimsucht und ich tausende stimmen gleichzeitig durch meinen Kopf reden höre.
In diesem Haus ist es nie still auch jetzt höre ich noch ein kleines, entferntes Gemurmel. Geht der eine durch die Tür zum Flur raus, kommt der nächste durch die gegenüberliegende Tür in den Raum. Ich scheine, so gerne es andere vielleicht auch sind, der Mittelpunkt des Hauses zu sein- und ich hasse das.
ab und an überlege ich schon wie es wäre wenn ich mir eine Kugel durch den Kopf jagen würde. Ich überlege ob es dann eventuell um mich rum ruhiger werden würde oder aber ob ich dann immer nur ein einziges Geräusch im Jenseits hören würde – das Geräusch des Schusses der mich ins Jenseits beförderte. Dieser unglaublich laute knall würde doch bis in alle Ewigkeit, und wenn ich tot bin sogar noch länger, in mir wiederhallen und mich noch mehr in den Wahnsinn treiben als es diese niemals vorhandene stille in meinem Kopf derzeit macht.
Um ruhe vor Eve, Tom, Peter und den anderen zu haben beschloss ich in den folgenden Tagen eine Reise in die Stadt zu unternehmen in der ich aufgewachsen war. Bei dem Gedanken daran musste ich anfangen zu grinsen, in mich hinein und doch für jeden den es

Interessieren würde gut sichtbar. Ich grinste weil ich mich an alte Situationen und ehemalige Freunde erinnerte an die ich schon Jahre nicht mehr gedacht hatte. Seit wohl zwanzig Jahren war ich nicht mehr in Hamburg gewesen und je länger ich hier in meinem Wohnzimmer am Computer saß und diesem Gedanken hinter her sann, umso mehr gefiel mir das Gefühl das mich erfüllte. Ich goss mir eine letztes Glas Rotwein ein, bevor der tanz wieder von vorne begann.
‚ja, ja, eve. Ist klar. Ich weiß dass alle Welt gemein zu dir ist, war und immer sein wird. Aber finde dich damit ab. Das Leben ist nicht immer nur fair zu denen die meinen das Wort fair am besten definieren zu können. Das Leben ist immer mal mit Sonnenschein und mal mit regen versehen. Ja und weißt du was? Manchmal holt man sich auch bei der Sonne einen fiesen Sonnenbrand und manchmal sorgt der heftigste Regenschauer dafür dass man einen kühlen Kopf bekommt oder behält. So ist verdammt nochmal das leben. was? Ja, das Leben hat es mit dir. . ‘
ich habe verdammt nochmal keine Lust mehr dazu. Immer zwingt sie mir dieses Gespräch auf und verschwindet dann einfach wieder aus dem Zimmer. Es wird Zeit das ich nach Hamburg fahre.

„Stimmen, weißt du ich höre andauernd und überall, stimmen. Egal wo ich bin, was ich mache. Ich höre sie, sie sind einfach da. mitten in meinem Kopf. Sie gehen nicht weg. Sie erzählen von sich und verschwinden wieder. Ich höre sie einfach. Selbst wenn ich versuche weg zu hören. Selbst wenn ich mich auf andere Dinge konzentriere. Ja selbst wenn ich Musik höre unter meinen modernen Kopfhörern, ja selbst dann höre ich sie – die stimmen.
Und nun sitze ich hier und erzähle dir das alles und frage mich ob du mich verstehst ob du in der Lage bist nach zu vollziehen was ich dir gerade erzähle? Ob du in der Lage ja, ob du die Intelligenz besitz zu kapieren was das bedeutet wenn man so wie ich, immer und überall stimmen hört – immer und überall. Kannst du das? Ich glaube nicht! Aber bitte ich lasse dich gar nicht zu Wort kommen. Bitte sage mir was du darüber denkst. Kannst du dich in mich rein versetzten? Hast du eine Ahnung was ich erleide? bitte ich frage dich und du hast nun die Möglichkeit mir zu antworten mir etwas mit auf den Weg zu geben – auch wenn ich nicht glaube das du das kannst – nichts gegen dich – aber ich glaube nicht das irgendeiner es kann, mir helfen. Ich will die stimmen nicht mehr hören, sie zerstören alles was mich umgibt. alles, einfach alles. aber bitte!“
Ich schaute fragend und kritisch meine gegenüber an, Ben, wir kennen uns streng genommen seit der Kindheit. Waren in der Vorschule zusammen und später auf der Universität. Dort verloren wir uns aus den Augen. Streng genommen kannten wir uns, sagte ich, aber das ist falsch. Streng genommen kenne ich den Menschen dem ich nach zwanzig Jahren auf der Straße begegnete überhaupt nicht mehr. Ja ich kannte ihn. Aber was ist in den letzten Jahren, in den letzten Jahrzehnten passiert dass er mir hier völlig aufgelöst gegenübersitzt und mich kaum zu Wort kommen lässt. Teilweise schweißgebadet sitz er mir gegenüber, wischt sich nachlässig die tropfen im Gesicht fort damit sich sofort wieder neue bilden können. Seine Haare sind fettig und nicht gepflegt, seine Finger abgekaut wie ich es sonst immer nur bei sehr jungen Menschen gesehen habe und dort wo ein wenig Nagel zu sehen ist, dort drunter befindet sich dicker, schwarzer schmutz. seine Finger der rechten Hand sind auch, wie man es oft bei starken Rauchern sieht, gelblich gefärbt, teilweise sehe ich eine andere Färbung und denke dabei daran das er wohl auch schon mal eine Zigarette bis zum Ende zwischen den Fingern gehalten hat und er seine Haut ein wenig verbrannte dadurch. Sein Körper war fettig, schwabbelig und seine Haut so sehr ungesund aus. Ja, ich hatte den Eindruck dass er Tabletten zu sich nimmt und, entgegen dem Ratschlag vom Arzt, Alkohol dennoch weiter trank. Seine Arme, sein Körper – jedenfalls das was ich sehen konnte war aufgeschwommen und erweckte den Anschein jeden Moment platzen zu wollen damit der alte Ben wieder zum Vorschein kommen kann.
Unvorbereitet überfiel er mich auf der Straße mit dem immer gleichen „nein, das glaube ich ja nun nicht das ich dich nach so langer Zeit wieder treffe. und das dann auch noch hier, einfach so mitten auf der Straße. komm lass und zusammen einen Kaffee trinken gehen“, dabei hakte er meinen Arm ein und nutzte sein gesamtes Gewicht um mich in das nächste Bistro zu schieben obwohl ich nicht gedacht hätte das ein Mensch mit seiner lauten stimme die Öffentlichkeit sucht wenn er mir das erzählen will was er erzählen wird. Der Raum in dem wir uns hinsetzten war komplett mit holz ausgestatten und die Bedienung, das sah man auf den ersten Blick, waren Studenten die sich hier zwischen den Vorlesungen von BWL oder anderen interessanten fächern ihr miete verdienten. Kaum das wir uns gesetzt hatten fing Ben auch schon mit seinen Stimmen an………..

 

Auszug: Herbst

Ein Roadtrip in vier Teilen – Teil 1

 

Hamburg

Es ist ein regnerischer Tag in dieser zu wirklich jeder Wetterlage schönen Stadt. Man muss schon einen Hass auf alles Schöne in sich bergen, um sich nicht den Reizen dieser Stadt hinzugeben. Neulich erst war ich abends am Elbstrand mit ein paar Freunden verabredet. Es war ein Tag, wie er bei mir leider viel zu oft vorkommt, bis ich dort ankam. Es war die ganze Scheiße, die den Tag über so abgeht, wenn man seinen beruflichen Verpflichtungen nachkommt, ohne diese zu mögen oder sich auch nur in irgendeiner Weise damit identifizieren zu können, die von mir abfiel, als ich am Strand war. Es war nach fünf Regentagen das erste Mal, dass in Hamburg wieder die Sonne schien, und das, obwohl wir eigentlich Sommer hatten. Als ich gegen 1 Uhr dort ankam, waren schon einige Leute dort versammelt, von meinen Freunden oder Bekannten allerdings keine Spur. Was mich auch nicht verwunderte, wo ich doch wieder einmal eine Stunde zu früh am Treffpunkt auftauchte. Die Menschen, die ich sah, waren fast alle jung und verdammt gut gelaunt. Natürlich gab es Gruppen, wie es in unserer Zeit ja nun mal üblich ist, aber es war alles harmonisch. Niemand nervte den anderen mit übertriebener Lautstärke.
Einige hatten ihre Gitarren dabei und spielten, während sie sich um den Grill scharrten, Lieder von B.Dylan oder E.Clapton. Andere wiederum waren mit ihren Iso-Matten und Schlafsäcken gekommen, was auch gar keine schlechte Idee war, wo doch der Elbstrand bei Tageslicht verdammt leicht zu erreichen ist, aber sobald die Dunkelheit über Hamburg herrscht, ist es genauso schwer, von dort wegzukommen. Also, warum nicht eine Nacht am Strand schlafen.
Und ich! Ich war alleine und beobachtete die Leute und versank immer mehr in meine Gedanken. Hey, es ist schön auf das Wasser raus zu schauen, leisen Stimmen von verliebten Paaren zu lauschen, die Vögel in der Ferne kreischen zu hören und ab und zu ein Schiff vorbeifahren zu sehen. Entweder in den Hafen hinein oder aber in die große weite Welt hinaus. Und ich verspreche, jedes Schiff, das hinaus gefahren ist hatte einen neuen Wunsch von mir dabei.
Da saß ich also im nassen Sand und starrte hinter einem Schiff her, das sich, so sah es jedenfalls aus, genau in die Mitte der Sonne verabschiedete. OOHH! Apropos Sonne!! Als ich den Sonnenuntergang an diesem Tag sah war ich fertig!!
Es gehört wirklich nicht viel dazu mich in eine melancholische Laune hinein zu drücken, wo ich dann meistens Stunden lang hängen bleibe und irgendwie dann wieder raus komme.
Aber dieser Sonnenuntergang hat es mir wirklich angetan. Ich war gleich meilenweit weg. Freunde die mich besser kennen würden sagen ich war wieder bei meiner „Ex-Freundin“ aus Spanien, andere die mich eher oberflächlich kennen würden behaupten dass ich wieder an die unzähligen Frauengeschichten in Hamburg denke.
Okay ich gebe es zu: Alle hätten Recht gehabt. Ich habe an alles und doch wieder nichts Bestimmtes gedacht. Natürlich habe ich darüber nachgedacht warum ich hier alleine sitze und warum ich auch nachher, wenn die Freunde da sind, alleine sein werde. Es ist toll Freunde zu haben mit denen man über alles reden kann, mit denen man Spaß haben kann, aber irgendwie
ist da etwas was mir fehlt.
Oh, die Liebe meint ihr? Weiß nicht! Ich bin mir ziemlich sicher dass Timo mich liebt! Was nun aber nicht bedeutet dass er schwul ist. Er ist ein guter Freund, der allerdings diesen Begriff „Freund“ sprengt, und doch weiß er nicht alles und ich mit Sicherheit nicht alles über ihn. Es fehlt auch hier wieder irgendetwas, und wenn das nicht so wäre, dann müssten Timo und
ich wohl irgendwann heiraten, aber so?! Eine Person, auf die man sich verlassen kann. Wahrscheinlich bin ich einfach zu nachdenklich für einige Frauen.
Ich lerne ja nun doch schon ein paar kennen, auch wenn ich mich als schüchtern einstufe, aber die Richtige – ne, die habe ich nun noch nicht gesehen. Einige wollen Spaß und finden dafür immer neue Worte. Nicht unkreativ.
Ne wirklich, so Sachen wie: Dummheiten, Rohkost, Futter oder Vergnügen für ein Wort zu gebrauchen, das ganz einfach nichts anderes verbirgt als puren, hemmungslosen und vor allen beziehungslosen SEX. Respekt! Ich weiß nicht wie die Leute das anstellen mit einer Person zu schlafen die sie nicht Lieben oder die sie erst vor ein paar Stunden kennengelernt
haben. Es will einfach nicht in mein Kopf. Und ich wurde bestimmt nicht spießig erzogen. Naja, habe ich mir am Strand gedacht, vielleicht entwickelt sich der Mensch langsam ja zurück und wird wieder der wild umher bummsenden Affe der er ja nun schon mal war. Nur das er vielleicht manchmal daran denkt vor der Vereinigung ein Gummi überzuziehen weil man ja nicht weiß mit wem der andere es sonst so treibt. AHHH! Hey Vorsicht Emanzen! Das geht auch euch an. Ihr wollt alles, nicht wahr? Erfolg, Geld, einen Partner der sich um alles kümmert, einen Partner der für guten Sex sorgt und eine Partner den man seinen Eltern auch mal zeigen kann. Passt auf das ihr nicht irgendwann von gehörnten Männern wieder an den Haaren in irgendeine Höhle gezerrt werdet wo ihr dann gefälligst Kinder zu bekommen habt.
Andrerseits findet man auch wieder Frauen die sich für einen Interessieren. Sie gehen auf Gedanken die ich habe ein und können damit etwas anfangen oder versuchen es zumindest. Hier sehe ich für mich allerdings die Gefahr dass es nach drei oder fünf Monaten langweilig wird. Ich hätte zwar eine Frau mit der ich über alles reden kann aber das kann ich mit meinen
besten Freund auch und wenn es in die Bereiche einer Frau hinein rutscht hätte ich immer noch meine Mutter oder meine Schwester.
Jepp ich denke ich habe ein Beziehungsproblem und bin absolut nicht geschaffen für eine Beziehung. Ich benötige von einer Frau die sich für mich Interessiert die Bestätigung das sie mich interessant findet und nicht die Bestätigung das ich sexy, süß oder so ein scheiß bin. Ich brauche auch nicht die Bestätigung dass ich gut Küssen kann oder im Bett eine echte Wucht bin. Damit kann ich nichts anfangen und eine Frau die das von mir hören will sollte sich lieber gleich verabschieden. Ich finde es oberflächlich. Es ist die Schale die, die meisten interessiert, mich aber nicht. Und wenn sich jemand nur für meine Schale interessiert dann tut er mir leid. Okay es stimmt das man in einer Beziehung manchmal eine Bestätigung braucht das man Klasse ist. Aber was soll lügen?
Wenn ich über mich sage: „Scheiße ich habe einen dicken Bierbauch“ und der Partner sagt
„Ach was das ist die Körperhaltung“. Nur stand ich in diesem Moment gerade und konnte trotzdem nicht meine Füße sehen. Irgendwie sinnlos oder? Etwas, was offensichtlich zu sehen ist, weg reden zu wollen. Kann man etwas Dümmeres machen? NEIN!
All diese Gedanken flossen mir durch den Kopf, als ich auf das Wasser sah und die Sonne langsam unterging. Ich dachte auch unter anderem daran, als ich mal einem Mädchen meine Liebe gestand, nur weil ich sie vom Aussehen her attraktiv fand und dachte dass ich sie so schneller bekommen könnte. Oder ich erinnerte mich, dass ich mitten im Geschlechtsakt mit einer Ex-Freundin ihr immer wieder sagte, dass ich sie liebe, weil ich dachte, dann bleibt er noch länger hart. Ich liebte keine von den beiden das weiß ich jetzt und deswegen habe ich mir vorgenommen dass ich das Wort Liebe nicht mehr so leichtfertig verschenken werde. Wenn ich dann eine Frau treffe mit der ich eine Beziehung eingehe und sie will es
hören nach, sagen wir einmal drei Wochen, werde ich sie enttäuschen müssen. Aber diese Frau kann sich sicher sein das wenn ich es ihr sage es hundertprozentig ernst gemeint ist.
Meiner Ex-Freundin aus Spanien habe ich es auch gesagt. Nach einem Monat. Wir lagen im Bett und unterhielten uns. Sie erzählt mir von ihrem Freund in Barcelona und ein Gedanke ergibt den nächsten. Wir liegen uns in den Armen und dachten daran wie schön es wäre wenn der Sekundenzeiger stehen bleiben würde. Da rutschte es mir heraus und keine zwei sekundenspäter habe ich es bereut. Warum? Was weiß ich den!
Ich lag mit einer so gut wie verheirateten Frau im Bett die mich in nicht weniger als einem Monat wieder Richtung Spanien verlassen würde und ich erzähle ihr das ich sie Liebe.
Naja! Ich kann sagen dass ich niemanden lieber am Elbstrand neben mir gehabt hätte als diese Frau. Irgendwann kamen dann die Freunde und wir fingen an zu Grillen und zu lachen.
Die Sonne und Hamburg und der Regen und Hamburg. Beide Male stand ich an der Alster und schaute auf das Wasser und auf die umliegenden Ufer und Häuser. Wenn die Sonne scheint hat Hamburg einen besonderen Charme. Die Dächer der Häuser an der Alster glänzen meistens grünlich und das weiß der Wände sticht manchmal in den Augen das man eine Sonnenbrille tragen muss. Die Menschen flirten mit einander und sind höflich. Die Vögel fliegen umher und ich verfolge ihren Flug durch die Luft. Irgendwann setzten sie sich nieder und picken ein paar hingeworfene Körner auf. Kinder tollen umher und werden von
Passanten belächelt und für süß oder niedlich befunden. Paare, sei es nun verliebt oder auch nicht, gehen Arm in Arm spazieren und schmieden Pläne für die Zukunft.
Hamburg bei Regen ist mindestens genauso schön. Natürlich ist alles ein wenig grauer und nicht ganz so fröhlich. Aber wenn mir nur mal die Paare anschauen die bei Regen durch Hamburg streifen. Sie kuscheln sich noch dichter zusammen. Sie spüren noch mehr die Wärme des Partners. Wahrscheinlich werden sie sich in eines der unzähligen Cafés setzen und mit einander reden. Woher ich das weiß, obwohl ich doch eigentlich seit zweiundzwanzig Jahren alleine bin? Nun so stelle ich mir das vor und so sollte es sein, wenn ich mit einer Frau bei Regen durch Hamburg gehe. So und nicht anderes. Ich möchte Geborgenheit fühlen und wo könnte ich das mehr als bei einer Person die ich mag und der ich vertraue. An all das denke ich als ich die Dächer der Stadt am Horizont verschwinden sehe. Ich habe mich entschieden aus der Stadt wegzugehen, nicht für lange Zeit aber lange genug um zu lernen.
Vielleicht werde ich dann auch eines Tages verstehen warum einige Leute versuche jeden zu beeindrucken mit ihren Qualitäten und mit ihrem Wissen und sich das nie für die Leute aufheben mit denen man möglicherweise längere Zeit in Kontakt ist, sprich bei einer Beziehung. Vielleicht denke ich da wieder gegen den Strom aber ich möchte nicht Leute beeindrucken, wo ich weiß dass es umsonst ist. Eine Frau bei der ich möchte dass sie mich mag und das vielleicht irgendwann etwas Mal daraus wird, ja da lohnt es sich unter Umständen.
Aber bei Personen die sagen das sie nie etwas empfinden werden und zur Zeit ihren Spaß haben möchten – Nein bei denen lohnt es sich nicht. He, ich merke es wird Zeit das ich etwas neues sehe. Neue Menschen, neue Länder. Es wird Zeit das ich neue Sitten und Bräuche kennen lerne und mir anschaue wie andere mit ihrem Leben umgehen. Ich glaube ich mache diese Reise zur rechten Zeit.
„ Was? Ach so, ja okay ich mache das Licht aus.“
Da bin ich wieder mitten in der Realität. In einem überfüllten und nach Schweiß und nassen Klamotten riechenden Zugabteil das sich von Bahnhof zu Bahnhof in Richtung Süden quält!
Ich mache das Licht aus und versuche zu schlafen und damit meine Gedanken zu ordnen.