Benjamin Schmidt

Benjamin Schmidt wurde 1989 in einem kleinen unscheinbaren Ort namens Pößneck geboren und wohnt nun seit vielen Jahren als gebürtiger Thüringer in Berlin, wo er hauptberuflich als Grafiker bei einem örtlichen Veranstalter arbeitet.

2009 erlitt er durch eine verhängnisvolle Entscheidung eine inkomplette Querschnittslähmung. Heute gelingt es ihm wieder, einen Teil seines Alltags zu Fuß zu bewältigen. "Inzwischen betrachte ich diesen Umstand als eine Art Gewinn. Und das nicht nur, weil ich in der S-Bahn immer einen Sitzplatz habe.", erzählt der junge Autor selbst von sich.

Seine schriftstellerische Tätigkeit begann 2010 mit seinem Debüt-Lyrikband "Und übrig bleibt nur Stille". 2012 folgte der zweite Band "Hinter den Wänden der Ohnmacht", der den befreundeten Künstler Mozart (Autor und Kopf der Band "Umbra et Imago") dazu bewegte, Benjamin Schmidt auf eine gemeinsame Lesung in einem münchener Swinger-Club einzuladen. Diese erfolgreiche Lesung fand dann im September 2014 statt und wurde zum Beginn weiterer Live-Darbietungen von Benjamin Schmidt.

Wenig später folgten also mehrere Lesetouren, darunter die "Sex, Drugs & LiteraTOUR" mit dem befreundeten Kollegen M.Kruppe, und die Veröffentlichung des ersten Romans "Gegenüber von Glücklich", der vom Publikum begeistert aufgenommen wurde. Inhaltlich wusste er mit Authenzität und nüchterner Tragik zu überzeugen. Die sprachliche Entwicklung des Romans mit dem voranschreitenden Alter des jungen Protagonisten stellte eine weitere Besonderheit dieses Werkes dar.

2015 wurde dann der bereits vergriffene Debüt-Lyrikband "Und übrig bleibt nur Stille" mit neuem Design neu aufgelegt. Eigens für diese Wiederveröffentlichung schrieb Mozart ein anerkennendes Vorwort, in welchem er Benjamin Schmidt als Hofpoeten des Gothic und sogar als Virtuosen der Untergrund-Lyrik bezeichnete.

Weiterhin schreibt er: "Die Lyrik pfeift erbarmungslos durch den Gehörgang, ja, hier spricht das richtige Leben, es predigt der Misanthrop, es triumphiert die schmutzige Wahrheit, es grinst der Sarkasmus! Es weint aber auch der Entrechtete, es flüstert die Hoffnung, es lacht der Galgenhumor und es wärmt die Seelen...
Das sind Komponenten eines Sekundenklebers: Ist erst die Emulsion im Ohr, dann klebt es wie Pech im Schädel des Hörenden."

Und genau das ist es, womit Benjamin Schmidt auch live seine Zuhörer zu begeistern weiß. Denn während er in seinen Romanen zumeist einen direkten Sprachstil, ohne viel Schnörkel, für angebracht hält, wird er in seiner Lyrik geradezu bildgewaltig und vermag es ebenso sensible Gedanken wie verstörende Horrorszenarien zum Leben zu erwecken.

Auch sein jüngster Roman "Schon immer ein Krüppel" konnte inhaltlich seine Leser berühren. Vor allem wegen des persönlichen Hintergrunds und den drastischen Beschreibungen der doch sehr sensiblen Thematik.
Der pechschwarze Humor verfehlte seine Wirkung nicht und hinterließ bei den Besuchern seiner Lesungen nicht selten ein Labyrinth aus rauen Gedankengängen - genügend Fläche, um sich daran reiben zu können.

Mit der Gründung des schwarzen Salons möchte sich der Autor, der literarisch keine Grenzen für sein Schaffen kennt, nun einem anderen Genre zuwenden. Für 2016 bleibt also vieles zu erwarten.

Konditionen auf Verhandlungsbasis

Lesung mit Benjamin Schmidt: 250€ zzgl. Fahrtkosten (verhandelbar), Kosten für musikalische Begleitung (optional)
Sex & Drugs & LiteraTOUR mit Benjamin Schmidt und M.Kruppe: 450€ zzgl. Fahrtkosten (verhandelbar)

Persönliche Anfrage bitte über das Kontaktformular.



http://www.schmidt-buecher.de

Auszug aus „Schon immer ein Krüppel“

Diese Geschichte handelt nicht von irgendeiner Behinderung, von irgendeinem Schicksal. Sie handelt von deiner Behinderung! Von deinem Schicksal! Besser du gewöhnst dich an den schwarzen Humor, denn nur so bleibt das Leben halbwegs erträglich.

Benjamin ist inkomplett querschnittsgelähmt, verbittert und fremd im eigenen Körper. Vieles muss er sich abverlangen, um sich als Teil einer Welt zu erkennen, die er verachtet, und deren Fortbestehen er doch selbst zu verantworten hat.

Halte inne und nehme teil an seinem Leben, an allen schmutzigen Details im Alltag eines Behinderten. Ertränke mit ihm deinen Kummer im Alkohol, piss dir mit ihm in die Hosen und verliere dich mit ihm in Gedanken, in der Liebe und in der Musik. Folge ihm auf seinem Weg der Poesie und der Selbsterkenntnis und verstehe, warum auch du schon immer ein Krüppel gewesen bist.

 

Prolog

Das Licht geht wieder an. Ich schwebe auf dem Rücken, irgendwo zwischen Realität und den verworrenen Träumen meines Unterbewusstseins. Licht an, Licht aus, Licht an.
Ich gewöhne mich langsam an die betäubenden Schmerzen, die meinen Körper bei jeder Erschütterung durchfahren. Langsam werde ich mir darüber bewusst, dass dies kein Traum sein kann. Ich bin zurück, man hat mich gerettet. Verwundert erkenne ich, wie schwer es mir fällt, die mich überströmende Flut von Ereignissen als real zu akzeptieren.
Meine Eltern blicken auf mich herab, doch den Klang erdrückender Vorwürfe kann ich ihren Worten nicht entnehmen. Auch ihre Haltung, ihre ganze Präsenz, kein Ausdruck mitleidiger Verzweiflung ist zu spüren. Das hätte ich nicht erwartet. Wie stark sie sind. Nur ganz tief unter der Oberfläche sind die unruhige Sorge und der Schmerz zu erkennen. Aber wichtig ist nur, dass sie da sind. Immer sind sie da.
Licht aus. Licht an. Ich schwebe weiter unter mehreren grell erstrahlenden Leuchtstoffröhren hinweg, mir wird schwindelig. In meinem Kopf entsteht ein kristallenes Kaleidoskop aus Licht und Schmerz. Ich presse die Augen einen kurzen Moment zusammen. Licht aus.
Licht an: Eine neue Umgebung scheint sich um mich herum zu formen. Die Frau in Weiß weist mich darauf hin, mich bald in Narkose zu versetzen.
Ich würde gar nichts spüren, es sei wie ein Traum, gibt sie mir zu verstehen. Ich frage sie, was für ein Traum es sei.
Welchen ich denn haben wolle, erwidert sie.
Ich antworte, mir sei ein Traum an den finnischen Stränden von Helsinki ganz recht.
Helsinki sei aus. Ob Dänemark eine Alternative wäre?
Egal, Hauptsache weg von hier.
Licht aus.

***

Die folgenden Wochen vergehen sehr langsam und doch erscheint es mir, als würde ich alte Dias betrachten. Ich fühle mich wie ein Zuschauer meines eigenen Lebens. Ständig sehe ich mich wach werden, mit schmerzverzerrtem Gesicht, bei dem Versuch mich herumzudrehen. Ich kann meine Beine nicht spüren.
Ich werde aufgerichtet. Ständig wird mir schwarz vor Augen. Meine Beine werden hin und her bewegt. Ich soll mit mehreren Psychologen sprechen. Ich spüre die Zeit wie Urin in einen Beutel rinnen. Zum Scheißen schiebt man mir eine Schüssel unter den Hintern. Ich habe vergessen wie man scheißt. In meine Harnblase führt ein Dauerkatheter, der Beutel wird regelmäßig ausgeleert. Man teilt mir mit, dass ich gelähmt sei und möglicherweise im Rollstuhl weiterleben müsse. Inkompletter Querschnitt.
Die Schmerzen sind unerträglich. Vor allem in der Nacht sind sie so stark, dass sie es fertig bringen, meine Albträume unsanft in die Wirklichkeit zu zerren, um mich aus schwindelerregender Höhe schweißnass auf mein Krankenbett klatschen zu lassen. Oft gerate ich in Panik. Beim Aufprall ist mir immer so, als würde ich ersticken. Aus den Ecken beobachten mich zahlreiche funkelnde Augen. Unfähig mich zu bewegen, bin ich für sie leichte Beute. Ich möchte mich abwenden, mich wegdrehen, ich kann es nicht. Licht aus.

***

Licht an. Mehrmals am Tag bekomme ich Morphin gespritzt. Jedes Mal durchfährt mich ein wärmendes Feuer von orgastischer Intensität. Schon nach zwei Sekunden ist jeder Schmerz verschwunden und jeder Muskel entspannt. Selbst die seelische Last wird mit einem Mal federleicht und fliegt mit jeder Form mutloser Besorgnis einfach davon. Das trügerische Gefühl völliger Zufriedenheit durchdringt mühelos das Bewusstsein. Langsam werde ich müde und sinke in tiefen Schlaf, jedes Mal voller Hoffnung auf Erholung. Ich brauche dieses Gefühl, ich liebe es. Doch die sorglosen und schmerzfreien Zeiten, die mir diese Injektionen verschaffen, werden immer kürzer. Licht aus. Licht an.
Ich habe mich an das Waschen gewöhnt, das Gefühl ausgeliefert zu sein. Was bleibt mir auch übrig? Ich bin nicht einmal im Stande, mich aufzurichten. Ich komme mir furchtbar dünn vor. Wie Hundescheiße, die man versucht hat, auf frischem Rasen vom Schuh zu schmieren. Die Spritzen sind zu Pflastern geworden. Sie werden nicht mehr so oft gewechselt. Man sticht Nadeln in meine Beine. Immer wieder versucht man mich zum Sitzen zu zwingen. Ich kann es nicht, ich bin kraftlos, mir wird schlecht. Licht aus, Licht an, Licht aus, Licht an, Licht aus, Licht …
… an! Ich bekomme Besuch. Natürlich von meinen Eltern. Aber auch von Freunden. Ich bin mir nie sicher, ob sie tatsächlich anwesend sind. Ich schreibe viel mit ihnen, halte Kontakt. Allerdings nicht mit allen, nur mit wenigen. Wissen denn alle von ihnen, dass ich im Krankenhaus liege?
Endlich werde ich in eine Rehaklinik überwiesen. Nach den ersten Wochen fühle ich mich bereits nicht mehr fremd. Fast ist es, als wäre hier mein Zuhause, als würde ich hier her gehören. Überall sind Rollstuhlfahrer, eine andere Welt. Ich habe das Gefühl, dass ich kein Krüppel bin, denn alle hier sind verkrüppelt. Abends sitzen wir noch lange draußen, trinken Bier und Schnaps, rauchen, machen Witze, es ist perfekt. Mit etwas Fantasie lässt sich die Tatsache behindert zu sein erstaunlich leicht übersehen. Ich bin mir nicht einmal sicher, ob ich irgendetwas oder irgendjemanden vermisse.
Zumindest aber nachts holt mich dann doch die deprimierende Wirklichkeit ein und stellt mich vor vollendete Tatsachen. Ich fühle mich hilflos, unfähig etwas an meiner Situation zu ändern. Ich komme mir jämmerlich vor.
Der Alkohol drückt auf die Blase, zwar hat man mir gezeigt, wie ich mich selbst katheterisieren kann, allerdings beherrsche ich es wohl noch nicht so gut. Ein kleiner Kalender soll mir dabei helfen. Ich führe ihn aber zu schlampig und durch mehrere Flaschen Bier gerät der ganze Plan durcheinander. Mehrmals habe ich mir schon in die Hosen gepisst und beim Scheißen helfen mir immer noch die Schwestern. Jeden Tag ein demütigendes Ritual. Auch wenn einer der Pfleger mir versichert, es sei das Normalste auf der Welt, kein bisschen ekelhaft, er habe Scheiße schon überall gehabt, sogar im Gesicht. Für mich ist es das nicht, ich hasse es! Licht an, Licht aus, Licht an, Licht aus.
Licht an: Einiges an Gewicht habe ich verloren, gerade mal um die 60kg wiege ich noch. Ziemlich bescheiden für eine Größe von über 1,80m. Das Essen hier ist schrecklich. Ich verbringe den Tag mit verschiedenen Therapien, vor allem aber mit Physiotherapie, mit Muskelaufbautraining, Sport, Freizeitaktivitäten wie Bogenschießen und Schwimmen sind Programm, und jeden Abend bin ich im Fitnessstudio. Was soll man hier auch anderes machen? Zumindest kann ich so wenigstens die obere Hälfte meines Körpers fit halten.
Um die untere Hälfte steht es schlecht. Ich kriege einfach keinen mehr hoch. Verdammt nochmal, ich spüre ihn ja nicht einmal mehr. Es ist frustrierender, als die Tatsache nicht mehr laufen zu können. Mit 19 Jahren impotent, als wäre der gesamte Lebensinhalt ausgelöscht. Verzweifelt sehe ich mich noch in 10 Jahren bei meinen Eltern wohnen. Was sollte eine Frau an mir noch finden? Meine Eltern sind übrigens zu Besuch, die Stimmung zwischen uns ist angespannt. Sie wollen so sehr, dass alles gut wird. Doch das wird es nicht. Nichts wird gut. Mein verdammter Schwanz ist nicht funktionsfähig. Mit meinen Eltern kann ich einfach nicht darüber reden. Mit wem könnte ich überhaupt darüber reden?
Licht!
Die ersten Gehversuche – ich mache sozusagen Fortschritte – sind unvorstellbar kraftaufwändig. Doch gibt es für mich keinen größeren Antrieb, als den Gedanken, vielleicht doch wieder auf den eigenen Beinen stehen zu können. Bis zur völligen Erschöpfung spaziere ich auf dem Rehagelände mit einem Rollator umher. Weit komme ich auf diese Weise nicht. Allmählich packt mich nun auch die Sehnsucht nach meinem Zuhause. Ich vermisse meine Familie, meine Freunde, mein Zimmer, meine Privatsphäre. Einige der Rollstuhlfahrer beginnen jetzt meine Wut maßlos zu erregen. Sie reden ständig von ihren Gebrechen, bemitleiden sich und nörgeln pausenlos. Das macht mich krank. Es frustriert mich. Wie Geister auf Rädern schweben sie lautlos durch die Gänge der Klinik, mit gesenktem Blick oder starrem Lächeln. Sie warten vergeblich auf Erlösung, sind weder tot noch lebendig. Und tief in ihnen nagt der Zweifel, ob ihr Leben tatsächlich lebenswert ist. Diese ganze krankhafte Atmosphäre droht mich zu verschlingen.
Anfangs weigere ich mich strikt an Rollstuhlübungen teilzunehmen. Mein Ziel ist es, wieder zu laufen. Gruppentherapien sind mir ohnehin ein Graus, die gemeinsamen Übungen im Schwimmbad hasse ich ganz besonders. Ich komme mir dabei vor wie ein kranker Fisch in einem Becken mit epileptischen Karpfen. Ständig lädt mich einer der anderen Patienten zum Rollstuhlbillard oder zum Tanzabend ein. ›Wir können genauso tanzen und einer Sportart nachgehen wie andere auch‹, sagen sie dann immer. Nein! Das können wir nicht, du Spinner! Es ist nicht genauso! Sieh das endlich ein! Herrgottnochmal, sie das doch ein! Endlich …
… Licht aus … Licht an …
Mittlerweile versuche ich an Krücken zu gehen. Ich kann das Gleichgewicht nur schwer halten, aufgrund der Taubheit in meinen Beinen. Dafür gelingt es allerdings recht gut. Zwar brauche ich für 5m in etwa eine halbe Stunde und könnte danach sofort vor Erschöpfung einschlafen, aber ich komme voran. Schwindelig wird mir nur noch ganz selten. Ich gehe auch an Krücken zum Essen in den Speisesaal, um weiter zu trainieren, und lasse mir meinen Teller dann bringen. Leider habe ich nur zwei Hände, die ich brauche, um mich zu stützen. Den Rollstuhl benutze ich nur noch, wenn ich ins Bad oder auf die Toilette muss. Ich werde mich wohl daran gewöhnen müssen, ihn als einen Teil von mir anzunehmen, den ich brauche, um mobil zu bleiben. Die Ärzte sagen, zumindest in den nächsten Jahren werde ich mich wohl oder übel mit dieser Situation arrangieren müssen. Dass es möglicherweise für immer so sein würde, ziehen sie eher mit Zurückhaltung in Betracht. Vermutlich wollen sie mich schonen.
Licht. Aus. Licht. An. Licht. An. Licht. An. Licht. An!!!
Heute habe ich in den Spiegel gesehen. Dabei habe ich mich noch nie so seltsam gefühlt. Die Spiegel hier hängen weiter unten und sind leicht zum Boden hin geneigt, damit man sich im Rollstuhl besser darin sehen kann. Seit Monaten habe ich mich nicht mehr rasiert. Meine Augen sehen müde aus, wie die eines alten Mannes. Ein merkwürdiger Kontrast zu meinem fast noch kindlichen Gesicht. Ich habe das Gefühl, mich nicht richtig erkennen zu können. Alles ist wie in einem Traum: irgendwie undeutlich.
Das also bin jetzt ich?! So werden mich die Menschen in Zukunft kennenlernen: im Rollstuhl. Sie werden mich bemerken, mich bemitleiden, manchmal nicht wissen, was sie sagen sollen. Sie werden mich fragen, was mir passiert sei. Und ich werde ihnen direkt ins Gesicht lügen.

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Song zum Download: „Orges Gesang“

Musik ist für mich nicht einfach nur Musik, sondern die wahrhaftigste Form der Kommunikation. In meiner Jugend war ich selbst in verschiedenen Bands tätig und auch heute gibt es ab und an kleine Projekte, denen ich mich zu meinem Vergnügen widme. Eines dieser kleinen Projekte möchte ich hier vorstellen, da es gewissermaßen Musik und Lyrik zu vereinen weiß. Auf Soundcloud kann man das kleine Machwerk kostenlos downloaden und auf dem Mp3-Player zu jeder Zeit genießen.

 

Lyrics by Bertolt Brecht
Voices by Benjamin Schmidt
Music by the film „Baal“ (Uwe Janson, 2004) by Oliver Biehler
Instruments , Editing , Recording , Production by Robert Chudasch and Tommy Feiler

Auszug aus „Gegenüber von Glücklich“

Die Geschichte von Lucky scheint bereits erzählt. Aufgewachsen als einer von fünf Geschwistern in einer zerrütteten Familie und der grauen Monotonie der Kleinstadt, wird sein Leben von Langeweile und Enttäuschungen bestimmt. Trotz seines kreativen Potentials, gelingt es ihm nicht, seinem Leben unter der Hand seines gewalttätigen Vaters, seiner achtlosen Mutter und der zahlreich durchlebten Pleiten, zu entkommen. Emotional abgestumpft flüchtet sich Lucky in Tagträume und lebt größtenteils in Büchern. In der Realität ist er gezwungen, sich dem freudlosen Trott des Alltags zu ergeben. Immer wieder leidet er unter der Marter seines Vaters. Und mehr und mehr macht sich das Gefühl von Wertlosigkeit in seinem Herzen breit. Besser nichts vom Leben erwarten. Denn immer wenn Lucky glaubt, an etwas Halt gefunden zu haben, muss er es wieder verlieren.

 

Kapitel 20

Das erste Mal, das ich im Krankenhaus lag, gefiel mir außerordentlich gut. Ich hatte mir den Arm gebrochen. Mein Alter erklärte dem Arzt, ich sei die Treppe herunter gefallen. In Wirklichkeit hatte ich ihn und meine Mutter beim Ficken beobachtet. Ich wollte wissen, ob sie es taten. Der Gedanke ekelte mich zwar an, ließ mir aber keine Ruhe. Wenn ich daran dachte, wie mein Vater Sex hatte, wurde mir übel. Dass ich aus seinem Samen entstanden sein soll, empfand ich als noch widerlicher. Ich hoffte immer, adoptiert zu sein. Leider ließen sich meine Gene nicht verleugnen. Mein Kinn, mein Mund, meine Nase, alles meinem Alten wie aus dem Gesicht geschnitten. Na jedenfalls hatte er mich erwischt und war danach völlig außer sich. Ich floh wieder die Treppe nach oben zu meinem Zimmer, doch er bekam mich auf der letzten Stufe zu fassen, zog mich zurück und ließ mich wieder bis nach unten purzeln. Dabei brach mein Arm.
»Und wie heißt du, junger Mann?«, fragte mich der Arzt.
»Lucky.«
»Lucky, sehr nett. Und weiter?«
»Der Name ist lächerlich.«
»Antworte vernünftig!«, mischte sich der Alte ein.
»Schon gut. Lucky Ilz. Ist das richtig?«
»Ja.«, sagten der Alte und ich gleichzeitig.
»Gut, dann wollen wir uns deinen Armen doch mal ansehen.«
Ich trug den Namen meines fürchterlichen Vaters, obwohl Mutter und er nie geheiratet hatten. Meine Mutter hieß Klein, auch Lara hieß so. Alle anderen bekamen den Namen meines Vaters: Ilz. Einfach grässlich.
»Sie haben aber eine hübsche Schwester.«, sagte ich zum  Doktor, als eine junge, blonde Frau in Weiß mit Verbänden und Schienen herein kam. Der Arzt lächelte.
»Ja, ganz recht. Das ist Nadine. Sie wird jetzt deinen Arm schön eingipsen, damit er ruhig gestellt ist und gut verheilen kann.«
»Beim Röntgen hatten sie keine so hübsche Krankenschwester.«
»Tatsächlich?«, der Arzt und Nadine lächelten. Dann machte der Doktor einen Vorschlag. »Vielleicht kannst du ja mal mit Nadine ausgehen.«
Nadine suchte mir eine passende Schiene heraus und begann damit, meinen Arm in einer bequemen Haltung einzugipsen.
»Vielleicht, wenn du mal älter bist.«, sagte sie, immer noch lächelnd.
Dann verabschiedete sich der Arzt. Er sagte, er müsse noch zu anderen schwer verletzten Patienten. Mein Alter war nach draußen gegangen, um sich einen Kaffee zu holen.
»Kann ich hier bleiben?«, fragte ich Nadine. Sie schien recht verwundert über meine Frage. Lächelte dann aber wieder. Offensichtlich war ihr Lächeln einstudiert.
»Willst du denn nicht wieder nach Hause?«, fragte sie.
»Nein. Ich würde gern hier bleiben.«
»So? Nun, aber wir brauchen doch noch die Betten hier für die ganz kranken Leute, die wirklich nicht nach Hause können.«, sie sprach in so einem kindlichen und übertrieben verständnisvollen Ton. Einfach ekelhaft. »Warum willst du denn nicht wieder nach Hause?«
Dann kam mein Alter wieder zurück ins Zimmer. Er hatte einen dampfenden Plastikbecher voll Kaffee in der Hand, setzte sich auf einen Stuhl in der Ecke des Raumes und schlürfte daran.
»Ach, nur so.«, sagte ich kleinlaut.
Als sie mit meinem Arm fertig war und der Gips getrocknet, nahm mich mein Vater an dem anderen Arm und führte mich aus dem Krankenhaus. Ach, hätte ich nur bleiben können. Aber vielleicht könnte ich? Wenn ich mir noch das Bein brach?
Auf dem Weg nach draußen nahmen wir einen Fahrstuhl. Ein Mann im Rollstuhl hatte ihn vor uns benutzen wollen, doch wir schnitten ihm die Vorfahrt. Der Mann sah uns daraufhin entgeistert an. Mein Alter starrte aus dem Fahrstuhl heraus zurück. Der Mann begann sich wieder zu fangen und lehnte sich zurück.
»Sie sind ein abartiges Arschloch.«, sagte er ganz ruhig zu meinem Alten, während die Türen des Fahrstuhls sich schlossen. Er hatte ja so Recht.
Als wir auf dem Weg zum Auto waren, fluchte der Alte.
»Diese Drecksbehinderten. Denken, nur weil sie behindert sind, hätten sie überall mehr Rechte als alle anderen. Als ob die was dafür könnten. Die sollen bloß nicht so einen auf Mitleid machen. Von so einem lasse ich mir doch nicht das Fahrstuhlfahren verbieten. Schließlich wollen die doch immer wie alle anderen behandelt werden. Lächerlich.«
Wir erreichten das Auto. Ich setzte mich auf die Rückbank. Der Motor sprang an. Wir fuhren los. In Gedanken blieb ich weiter im Krankenhaus, bei Nadine. Warum wollte sie bloß nicht mit mir ausgehen? Ich dachte mir, vielleicht hätte sie schon gerne gewollt, traute sich aber aufgrund meiner Jugend nicht, es zuzugeben. Ich hätte gerne ihre Muschi gesehen, bestimmt war sie rasiert. Wenn ich mir heute Abend einen runterholen würde, würde ich dabei an sie denken. Gott sei Dank, war nur der linke Arm gebrochen.

 

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Gedichte aus „Hinter den Wänden der Ohnmacht“

Es ist gar nicht so leicht eine Auswahl zu treffen, wenn jedem einzelnen Text eine persönliche Geschichte innewohnt. Und doch gibt es gerade in „Hinter den Wänden der Ohnmacht“ Texte, an deren Schreibprozess ich mich noch sehr gut erinnern kann. Überhaupt hat mir das Schreiben dieser Gedichte alles abverlangt. Es war ein aufwühlendes Unterfangen, bei dem ich wirklich jedes negative Gefühl aus mir herausgerissen habe. Und siehe da, am Schluss gab es dann doch wieder Platz für die Hoffnung und die Liebe …

 

Vom Stellenwert des Daseins

Wir sind Patienten neurotischer Ärzte,
die meiste Zeit im Wartezimmer,
bis die Sprechstunde vergeht.

Wir sind Doktoren dramatischer Zeiten,
wir transplantieren Ideale,
die Dosis bestimmt das Gift.

Wir sind Bewohner unbehaglicher Räume,
bezahlen monatlich die Miete
für das Gefühl der Heimatlosigkeit.

Wir sind Verliebte, kursorische Liebhaber,
suchen gerne das Vergnügen,
solange es leicht greifbar ist.

Wir sind Plakate apathischer Zuschauer,
wir verfüttern Sensationen,
bis das Datum verfällt.

Wir sind die Einheit mechanischen Handelns,
wir verkaufen für Millionen,
bis die Ernte ausbleibt.

Wir sind der Keim elegischer Zukunft,
nicht viel mehr als ein Parasit,
bis der Wirt verstirbt.

 

Ich will nicht mehr

Ich will nicht mehr schlafen,
dann sind die Geister mir so nah,
sie tragen Hörner, Hufe, Klauen,
zumindest furchtbar,
schauerlich und schlimm sind sie,
so genau hab ich nie hingesehn,
entsetzlich, sonderbar,
mich umzudrehn
will ich nicht wagen,
aus Angst, sie könnten mich erschlagen.

Ich will nicht mehr träumen,
denn dann könnte ich erwachen,
und Geister sind doch surreal
und was sie machen
ist bitter zwar, doch undeutlich erkennbar,
so genau hab ich nie hingesehn,
unheimlich und unsichtbar,
mich umzudrehn
will ich nicht wagen,
aus Angst, ich könnt‘ es nicht ertragen.

Ich will nicht erwachen,
denn bald würde ich ermüden,
an jeder Wimper hing‘ der Gram,
müsste mich fügen,
die Nähe der Geister wieder spüren,
so genau hab ich sie nie gesehn,
so wirklich waren sie nie fort.
Warum nur sind sie hier,
folgen mir an jeden Ort?
Ich will nicht fragen,
aus Angst, sie könnten es mir sagen.

 

Weiter nichts

Schließ die Augen und verbanne
die Bilder, die dich täuschen könnten.
Lasse los jeden Gedanken,
zum Trugschluss führt er,
weiter nichts.

Hör nicht hin und schnell vergesse
die Worte, die zwar gut gewählt,
doch wissentlich nur irre führen,
den Sinn verdrehen,
weiter nichts.

Fass nichts an und giere nicht,
nach Dingen, die du fassen kannst.
Dein Sehnen wird Gewohnheit sein
und so vergänglich,
weiter nichts.

Glaube nicht, vor allem nicht zu wissen,
vollkommen kann kein Wissen sein,
vollendet zeigt sich nur der Makel
und die Dummheit,
weiter nichts.

Liebe nicht und sei bedacht,
dass sich Gefühle ändern können,
dass sie mit der Zeit nicht wachsen,
nur verdorren,
weiter nichts.

Lebe nicht, verharre nicht,
in wenig glücklichen Momenten,
sie sind so unberechenbar,
einfach gelebt und
weiter nichts.

 

Im Bauch eines Traums

Ich hebe den Mond auf
und webe dich ein,
in die Netze, Tautropfen,
den silbrigen Schein,

der sich durch Wolken bohrt,
der die Gräser umfließt,
der sich auf deiner Haut,
im Nachthimmel, ergießt.

Ich verbinde die Sterne
mit meinen Gedanken,
auch jene funkelnden Inseln,
die dort oben versanken.

Im Bauch eines Traums,
in dem schwarzen Meer,
zeichnet sich unser Glück ab
und um uns her
verwandeln Gespenster
die eiskalte Welt,
die vor unserem Fenster
den Atem anhält.

Ich trinke den Mond,
seinen flüssigen Nebel,
erliege dir endlos,
wir setzen die Segel.

Ich flechte die Lichter
in dein schwarzes Haar,
durchdringe die Zeit
die zwischen uns war.

Du greifst nach den Sternen
mit deinen Gebeten,
deine Augen sprühen Funken,
die sich auf meine Haut legen.

Im Bauch eines Traums,
besteht für mich nichts mehr
als das Licht, das dich streichelt
und um uns her
verwandeln Gespenster
die eiskalte Welt,
die vor unserem Fenster
den Atem anhält.

 

Hinter-Den-Waenden-Der-Ohnmacht

Gedichte aus „Und übrig bleibt nur Stille“

Mein erster Gedichtband. Nie hätte ich damit gerechnet, einmal so große Anerkennung dafür zu finden. Für mich selbst ist Lyrik etwas Befreiendes und im Gegensatz zu meinen Romanen, die eher meiner Fantasie entspringen, auch etwas sehr Persönliches. Die Entscheidung gerade diese Texte zu veröffentlichen, fiel mir seiner Zeit, die für mich in der Tat keine leichte war, äußerst schwer. Nun bin ich froh darüber, so vielen Menschen etwas gegeben zu haben, die sich in vielen meiner Gedichte wiederfanden. Vier dieser Gedichte möchte ich hier als Leseprobe vorstellen. Beginnen werde ich mit dem einleitenden Text dieses schmalen Lyrikbandes, der den Leser nicht gerade sachte in die Lyrik führt …

 

Der Grund des Hasses

Weil sie zerstörn und du es weißt,
weil du nicht immer, aber meist,
nur an dein eig‘nes Wohlsein denkst,
weil sie lügen, du es glaubst,
in blinder Gier du weiter raubst
und keiner Seele Frieden schenkst,
kannst du auf dieser Seite lesen,
dass ich dich von dieser Rasse
jener kranken Lebewesen
am allermeisten hasse!

 

Memento Mori

Er hörte noch die Bäche rauschen,
als die letzten Töne klangen,
er konnte noch dem Walde lauschen,
den Vögeln, die dort Lieder sangen.

 
Er hörte noch die Bäume flüstern,
noch die Winde, deren Sang,
als er von den Bergen lüstern
in den Schoß der Täler kam.

 
Doch seine Lider wurden schwer,
die Hände taub und stumm das Lied,
dieses kennt nun niemand mehr,
weil nur noch Stille übrig blieb.

 

Kein Gedanke an den Himmel

Unter Bäumen ist mein Platz,
dort wo das Licht mich nicht berührt,
kein Vogelsang mich mehr erreicht,
kein Weg mich in die Irre führt.

 
Unter Bäumen ist mein Platz,
dort wo die Zeit verloren geht,
kein Mensch mehr eine Rolle spielt,
wo das Herz der Erde schlägt.

 
Unter Bäumen ist mein Platz,
dort wo mein Traum lebendig wird,
kein Sehnen sich in Schmerzen hüllt,
die letzte Träne sich verliert.

 
Unter Bäumen ist mein Platz,
unter des Waldes stillem Sein,
an der Quelle wahren Lebens,
unter den Bäumen, ganz allein.

 
Hier unter Bäumen ist mein Platz,
im Schoß der Erde ruhe ich,
kein Herzschlag, der dir noch gehört,
kein Gedanke mehr an dich.

 

Schattenliebe (Durch meine Hand)

Nun steht die Frage nach dem Sinn,
erneut wie dichte Nebelschwaden,
vor den Mauern uns‘res Seins,
welche wir selbst errichtet haben.

 

Die Liebe stirbt ein weit‘res Mal
und tausend Sonnen, die verbrennen,
ersticken in der Illusion,
ohne welche wir nicht leben können.

 

Die Illusion der falschen Freiheit,
der Traum vom ungefähren Leben,
die Hoffnung halber Zweisamkeit,
in die wir wieder uns begeben.

 

Und gewitterschwer fallen die Tränen
einer Liebe wie Regen ins Land,
deine Augen sehen in endlose Wüsten
und durch meine Hand rieselt der Sand.

 

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